Die 700-Jahr-Feier in Hermsdorf 1956
Aus der Festschrift zur 700-Jahr-Feier 1956
Hermsdorf im Holzland

Ortschaften mit dem Namen „Hermsdorf" finden wir viele, doch keine ist über die Grenzen der engeren Heimat hinaus so bekannt, wie Hermsdorf in Thüringen.

Mühsam schlängelt sich der Zug von Gera oder auch von Jena aus auf die Hochflache des Thüringer Holzlandes, welche zwischen Saale and Elster 300 bis 350 m über NN. liegt. In den teilweise eingeschnittenen Talern, die zur Hochfläche führen, finden wir ehemalige Mühlen, die heute beliebte Aufenthaltsorte zahlreicher Erholungssuchender geworden sind. Weiterhin dehnen sich dunkelgrüne Kiefern- and Fichtenwälder aus. Wie Inseln im Meer erscheinen die Rodungen der acht Holzlanddörfer, wovon Hermsdorf als größter and zentraler Ort anzusehen ist (Karte von Hermsdorf s. Anlage 1). Vom Bahnhof kommend, wird unser erster Blick auf die Keramischen Werke gelenkt, deren Schornsteine den Spaziergängern and Kurgasten in den umliegenden Wäldern zur Orientierung dient.
In der angrenzenden Josef-Stalin-Strasse finden wir Häuser im renaissanceartigen Stil oder welche von unverputztem Mauerwerk, andere mit gelb oder weiß glasierten Backsteinen. Erst in der Nähe der Kirche werden bäuerliche Fachwerkbauten häufiger. Hier befindet man sich im alten Dorf auf der mittelalterlichen Regensburger Straße, von deren Fuhrbetrieb noch der alte Gasthof “Zum schwarzen Bär“ zeugt. Ländlich muten auch die kleinen Hauser auf dem Berg rechts des Raudenbaches an. Den industriellen Charakter Hermsdorfs bringen nicht nur die städtischen Hauser and die Keramischen Werke zum Ausdruck, sondern auch eine Leiternfabrik, Kistenfabriken, Sägewerke and etliche andere Betriebe.
An der neu errichteten Keramikfachschule and der Karl-Marx-Siedlung vorbei erreicht man das bekannte „Kleeblatt", das .Hermsdorfer Kreuz". Hier überschneiden sich die Autobahnlinien Berlin-München und Frankfurt-Dresden. Unweit davon liegt - idyllisch im Walde eingebettet - der Rasthof, wo wohl kein Kraftfahrer versäumt, nach langer Fahrt zu rasten.
Ein großer Anziehungspunkt der Sportbegeisterten ist die herrlich gelegene Werner-Seelenbinder-Sportstätte, wo schon manche größere sportliche Veranstaltungen ausgetragen wurden. Den Fuß- and Handballern steht ein schöner Rasenplatz mit Aschenbahn and Sprunggruben, sowie auch ein Schlackeplatz, der bei jeder Witterung benutzt werden kann, zur Verfügung. Im Sommer wird auch jeder Besucher zum Verweilen im schonen Sommerbad eingeladen.
An Schulen finden wir in Hermsdorf eine Zehnklassenschule, eine örtliche Berufsschule and eine solche des Betriebes der Keramischen Werke. Von Schülern aus der gesamten Republik wird die Keramische Fachschule mit angeschlossenem Internat besucht, wo Meister and Ingenieure für unsere Keramikindustrie ausgebildet werden.
In der Landwirtschaft des Ortes herrschen Klein- and Kleinstbetriebe vor. Diesen steht ein Stützpunkt der MTS mit einem ansehnlichen Maschinenpark, sowie eine große Niederlassung der VdgB (BHG) mit einem reichhaltigen Warensortiment zur Verfügung. Ein Teil der Kleinbetriebe wird nebenberuflich bearbeitet, etliche Bauern bleiben auch dem traditionellen Fuhrmannsbetrieb treu. Dieser erlebte nach Wegfall der Zollgrenzen durch den deutschen Zollverein (1834) seine Blütezeit. Im Jahre 1876 wurde er dann durch die Fertigstellung der Eisenbahnlinie, die das Thüringer Becken mit dem sächsischen Steinkohlengebiet verbindet, verdrängt.
Maßgeblichen Anteil an dem industriellen and kulturellen Aufschwung des Ortes haben die bereits erwähnten Keramischen Werke sowie auch die Holzbauwerke mit der angegliederten Leiternfabrik. Ersterer Betrieb wurde um die Jahrhundertwende als Tochterunternehmen der Kahlaer Porzellanfabrik erbaut. Für die Wahl des Standortes sprachen hauptsachlich drei Gründe: einmal der Holzreichtum als billiges Brennmaterial, zweitens die günstige Bahnverbindung zu den Rohstoff- and Absatzgebieten und drittens die teilweise Übervölkerung durch den Niedergang des Handwerks and Fuhrwesens. Der niedrige Lebensstandard in den Holzlanddörfern führte auch zur Zahlung geringer Löhne. In der Zeit von 1945 bis 1952 war dieses Werk SAG-Betrieb and konnte dank sowjetischer Unterstützung wesentlich erweitert werden, so dass der Betrieb heute im Republikmaßstab führend in der Produktion von Elektroporzellan ist.
Das Vorhandensein von Holzarbeitern and die günstige Verkehrslage sowie der Holzreichtum waren im Jahre 1939 ausschlaggebend für die Errichtung der heutigen Holzbauwerke, ebenfalls als Zweigbetrieb eines saarländischen Unternehmens. Dieser Betrieb ist einer der modernsten und leistungsfähigsten seiner Art in der Deutschen Demokratischen Republik. Die Produktion erstreckte sich in den vergangenen Jahren vorwiegend auf Holzhäuser and ist heute auf den Serienbau von Fenstern and Türen umgestellt.
Durch den großen Holzreichtum finden wir weiterhin ein große Zahl von holzverarbeitenden Kleinbetrieben and weit bekannt sind die Erzeugnisse des alter Schirrmachergewerbes wie Rust-, Sprossen- and Treppenleitern, Rechen, Karren, Backmulden, Dachspane, Wäscheböcke, Baumpfahle, Zaunlatten, Obsthorden, Bügelbretter, Schafraufen and viele andere mehr.
Durch die Industrialisierung and Elektrifizierung wurden die alten Brettschneider and späteren Sägemühlen von neuzeitlichen Sagewerken abgelöst.
Nicht unerwähnt bleiben möchten auch die zwei Betriebe der Erzeugung von Krankenhausbedarf, wo speziell Metallmöbel wie Arztsessel, Operationstische, dann Spezialapparate für Röntgen-Reihenuntersuchungen und sonstige elektromedizinische Geräte hergestellt werden.
Auch der einzige Straßen- and Tiefbaubetrieb des Ortes ist im weiten Umkreis bekannt und zur Bedeutung gelangt.
Durch das stete Wachsen der größeren Betriebe ist auch eine jährliche Zunahme der Einwohnerzahl zu verzeichnen, die heute einen Stand von 6000 erreicht hat. Dies wirkt sich auch auf den Bau von Wohnungen aus und man kann laufend die Vergrößerungen des Ortes verfolgen.
Aus den kurzen Aufzeichnungen erkennen wir, dass unser Hermsdorf und das Holzland eng verbunden sind und sich einen Namen geschaffen hat.

Fachwerkhaus
Fachwerkhaus in der Ernst-Thälmann-Straße
(heute Alte Regensburger Straße)