Hermsdorf
im Holzland
Ortschaften
mit dem Namen „Hermsdorf" finden wir viele, doch keine ist über die
Grenzen der engeren Heimat hinaus so bekannt, wie Hermsdorf in Thüringen.
Mühsam
schlängelt sich der Zug von Gera oder auch von Jena aus auf die Hochflache
des Thüringer Holzlandes, welche zwischen Saale and Elster 300 bis 350
m über NN. liegt. In den teilweise eingeschnittenen Talern, die zur Hochfläche
führen, finden wir ehemalige Mühlen, die heute beliebte Aufenthaltsorte
zahlreicher Erholungssuchender geworden sind. Weiterhin dehnen sich dunkelgrüne
Kiefern- and Fichtenwälder aus. Wie Inseln im Meer erscheinen die Rodungen
der acht Holzlanddörfer, wovon Hermsdorf als größter and zentraler Ort
anzusehen ist (Karte von Hermsdorf s. Anlage 1). Vom Bahnhof kommend,
wird unser erster Blick auf die Keramischen Werke gelenkt, deren Schornsteine
den Spaziergängern and Kurgasten in den umliegenden Wäldern zur Orientierung
dient.
In der angrenzenden Josef-Stalin-Strasse finden wir Häuser
im renaissanceartigen Stil oder welche von unverputztem Mauerwerk, andere
mit gelb oder weiß glasierten Backsteinen. Erst in der Nähe der Kirche
werden bäuerliche Fachwerkbauten häufiger. Hier befindet man sich im alten
Dorf auf der mittelalterlichen Regensburger Straße, von deren Fuhrbetrieb
noch der alte Gasthof “Zum schwarzen Bär“ zeugt. Ländlich muten auch
die kleinen Hauser auf dem Berg rechts des Raudenbaches an. Den industriellen
Charakter Hermsdorfs bringen nicht nur die städtischen Hauser and die
Keramischen Werke zum Ausdruck, sondern auch eine Leiternfabrik, Kistenfabriken,
Sägewerke and etliche andere Betriebe.
An der neu errichteten Keramikfachschule and der Karl-Marx-Siedlung vorbei
erreicht man das bekannte „Kleeblatt", das .Hermsdorfer Kreuz".
Hier überschneiden sich die Autobahnlinien Berlin-München und Frankfurt-Dresden.
Unweit davon liegt - idyllisch im Walde eingebettet - der Rasthof, wo
wohl kein Kraftfahrer versäumt, nach langer Fahrt zu rasten.
Ein großer Anziehungspunkt der Sportbegeisterten ist die herrlich gelegene
Werner-Seelenbinder-Sportstätte, wo schon manche größere sportliche Veranstaltungen
ausgetragen wurden. Den Fuß- and Handballern steht
ein schöner Rasenplatz mit Aschenbahn and Sprunggruben, sowie auch ein
Schlackeplatz, der bei jeder Witterung benutzt werden kann, zur Verfügung.
Im Sommer wird auch jeder Besucher zum Verweilen im schonen Sommerbad
eingeladen.
An Schulen finden wir in Hermsdorf eine Zehnklassenschule, eine örtliche
Berufsschule and eine solche des Betriebes der Keramischen Werke. Von
Schülern aus der gesamten Republik wird die Keramische Fachschule mit
angeschlossenem Internat besucht, wo Meister and Ingenieure für unsere
Keramikindustrie ausgebildet werden.
In der Landwirtschaft des Ortes herrschen Klein- and Kleinstbetriebe vor.
Diesen steht ein Stützpunkt der MTS mit einem ansehnlichen Maschinenpark,
sowie eine große Niederlassung der VdgB
(BHG) mit einem reichhaltigen Warensortiment zur Verfügung. Ein Teil der
Kleinbetriebe wird nebenberuflich bearbeitet, etliche Bauern bleiben auch
dem traditionellen Fuhrmannsbetrieb treu. Dieser erlebte nach Wegfall
der Zollgrenzen durch den deutschen Zollverein (1834) seine Blütezeit.
Im Jahre 1876 wurde er dann durch die Fertigstellung der Eisenbahnlinie,
die das Thüringer Becken mit dem sächsischen Steinkohlengebiet verbindet,
verdrängt.
Maßgeblichen Anteil an dem industriellen and kulturellen Aufschwung des
Ortes haben die bereits erwähnten Keramischen Werke sowie auch die Holzbauwerke
mit der angegliederten Leiternfabrik. Ersterer Betrieb wurde um die Jahrhundertwende
als Tochterunternehmen der Kahlaer Porzellanfabrik
erbaut. Für die Wahl des Standortes sprachen hauptsachlich drei Gründe:
einmal der Holzreichtum als billiges Brennmaterial, zweitens die günstige
Bahnverbindung zu den Rohstoff- and Absatzgebieten und drittens die teilweise
Übervölkerung durch den Niedergang des Handwerks and Fuhrwesens. Der niedrige
Lebensstandard in den Holzlanddörfern führte auch zur Zahlung geringer
Löhne. In der Zeit von 1945 bis 1952 war dieses Werk SAG-Betrieb
and konnte dank sowjetischer Unterstützung wesentlich erweitert werden,
so dass der Betrieb heute im Republikmaßstab führend in der Produktion
von Elektroporzellan ist.
Das Vorhandensein von Holzarbeitern and die günstige Verkehrslage sowie
der Holzreichtum waren im Jahre 1939 ausschlaggebend für die Errichtung
der heutigen Holzbauwerke, ebenfalls als Zweigbetrieb eines saarländischen
Unternehmens. Dieser Betrieb ist einer der modernsten und leistungsfähigsten
seiner Art in der Deutschen Demokratischen Republik. Die Produktion erstreckte
sich in den vergangenen Jahren vorwiegend auf Holzhäuser and ist heute
auf den Serienbau von Fenstern and Türen umgestellt.
Durch den großen Holzreichtum finden wir weiterhin ein große Zahl von
holzverarbeitenden Kleinbetrieben and weit bekannt
sind die Erzeugnisse des alter Schirrmachergewerbes wie Rust-, Sprossen-
and Treppenleitern, Rechen, Karren, Backmulden, Dachspane, Wäscheböcke,
Baumpfahle, Zaunlatten, Obsthorden, Bügelbretter, Schafraufen and viele
andere mehr.
Durch die Industrialisierung and Elektrifizierung wurden die alten Brettschneider
and späteren Sägemühlen von neuzeitlichen Sagewerken abgelöst.
Nicht unerwähnt bleiben möchten auch die zwei Betriebe der
Erzeugung von Krankenhausbedarf, wo speziell Metallmöbel wie Arztsessel,
Operationstische, dann Spezialapparate für Röntgen-Reihenuntersuchungen
und sonstige elektromedizinische Geräte hergestellt werden.
Auch der einzige Straßen- and Tiefbaubetrieb des Ortes ist im weiten Umkreis
bekannt und zur Bedeutung gelangt.
Durch das stete Wachsen der größeren Betriebe ist auch eine jährliche
Zunahme der Einwohnerzahl zu verzeichnen, die heute einen Stand von 6000
erreicht hat. Dies wirkt sich auch auf den Bau von Wohnungen aus und man
kann laufend die Vergrößerungen des Ortes verfolgen.
Aus den kurzen Aufzeichnungen erkennen wir, dass unser Hermsdorf und das
Holzland eng verbunden sind und sich einen Namen geschaffen hat.
Fachwerkhaus in der Ernst-Thälmann-Straße
(heute Alte Regensburger Straße) |