Die 700-Jahr-Feier in Hermsdorf 1956
Aus der Festschrift zur 700-Jahr-Feier 1956

Geschichtlicher Abriss von Hermsdorf und seiner Umgebung

Im Jahre 1881 prägte der verdiente und weit über die Grenzen unserer Heimat hinaus bekannte Geologe und Ornithologe Prof. Karl Theodor Liebe den Begriff „Ostthüringen" für ein Gebiet, (dessen Umgrenzung sowohl auf geographischer und geologischer Grundlage beruht, als auch landschaftliche, geschichtliche und wirtschaftliche Gründe besitzt.

Den äußersten Nord-Ostteil dieses einheitlichen Gebietes nimmt das sogen, „Altenburger Holzland" oder „die Heide" ein, das starke Waldgebiet um und bei Hermsdorf, das als geologischen Untergrund den mittleren Buntsandstein mit gelblicher Färbung hat, auf den im übrigen der ganze Landschaftscharakter mit seiner Flora und wirtschaftlichen Betätigung zurückzuführen ist.


In der Diluvialzeit, der letzten der drei für Mitteldeutschland nachweisbaren Eiszeiten, wo die nordischen Gletscher bis in unsere Gegend vordrangen und Raubtiere wie Höhlen-Löwen und -Bären neben den Großtieren wie Mammut und wollhaariges Nashorn unsere Gegend durchstreiften, tritt zum ersten Male bei uns in Gera vor 120 000 Jahren der Mensch auf, In Horden lebend und ein Sammler- und Jägerdasein führend, zog er umher und führte einen harten Kampf gegen wilde Tiere und die Unbilden der Natur, bis nach Zehntausenden von Jahren nach Verbesserung der steinernen Produktionsinstrumente - vom ersten roh zu behauenen Faustkeil bis zu den mannigfaltigen kleinen Spezialwerkzeugen, ebenfalls aus Stein - uns zahlreiche Funde in der mittleren und jüngeren Steinzeit von stärkerer Besiedlung künden, So insbesondere auch die reichlich gemachten Einzel- wie Siedlungs- und Gräberfunde der jüngeren Stein­zeit um 3500 v. d. Z. bei Hermsdorf (Feuersteinmesser), Eisenberg (Ansiedlung mit Herdgruben und Wohngruben der Bandkeramiker), St. Gangloff, Klosterlausnitz (Steinbeil mit Steinhammer), Rauda und vor allem Seifartsdorf mit vielen Grabhügeln der Schnurkeramiker.

Die Menschen der Urgemeinschaft waren inzwischen sesshaft geworden und hatten sich zu Stämmen der Ackerbauer und Viehzüchter entwickelt, benutzten jetzt geschliffene Steine als Werkzeuge und Waffen und betrieben eifrig Töpferei; nach der Verzierung ihrer Gefäße mit Bändern oder Schnuren legt man ihnen obige Namen bei.

Aus der folgenden Bronzezeit liegen in unserer unmittelbaren Umgebung nur spärliche Einzelfunde vor, was auf geringere Besiedlung in dieser Zeit um 1800 his 800 v. d. Z. schließen lässt; bemerkenswert das 1881 in Hermsdorf beim Bahnbau gefundene Bronzeschwert des Möriger Typus!
So wie nach den Funden in verschiedenen Zeitabschnitten Ostthüringen den Charakter eines Durchzugsgebietes behielt, setzte auch in der folgenden Eisenzeit um 500 v. d. Z. eine lebhafte Völkerbewegung bei uns ein: vom Norden her dringen germanische Stämme in unser Gebiet ein und verdrängen die hier angesessenen Kelten südwärts, was ein frühgermanischer Urnenfriedhof in Gera bezeugt. Nach der für unser Gebiet mit Funden kaum belegten Völkerwanderungszeit bis zum 6. Jahrhundert nach d. Z. und der damit stark verringerten Bevölkerung leiten die vom Süden her entlang der oberen und mittleren Elbe bis zur Unstrut eingewanderten und dann Saale- und Elster aufwärts um 800 zu uns gekommenen Sorben die sog, Slavenzeit ein. Funde von Schmelzeisenstücken, Raseneisenerz und Teile von Schmelzvorrichtungen in Eisenberg künden von dieser Zeit, auf welche (die Gründung vieler Dörfer mit ihnen sklavischen Namen wie Aubitz, Nischwitz, Rauschwitz, Döllschütz, Pretschwitz, Stübnitz, Rauda, Saara usw., aber auch zahlreiche Sprachreste (Jauche, Kien, Kumt, Quark, Mutsche, Plauze) und Sitten und Gebräuche (Frischegrünepeitschen zu Weihnachten, Osterwasser usw.) zurückgehen.

Der Drang nach dem Osten und die im Zuge der Ausbreitung und Verstärkung des Feudalismus betriebene Unterwerfung der noch nicht feudalisierten Gebiete und Volker bringt einen harten Abwehrkampf der Slaven auch unseres Gebietes gegen die über die Saale, die ehemalige Grenze der Sorbischen Mark von dem alten Thüringer Reich, vordringenden Deutschen. Durch die Anfang und Ende des 9. Jahrhunderts von der Saale zuerst an die Elster und dann an die Elbe verlegte Grenze des Sorbenlandes wird auch unser Gebiet westlich der Elster von Deutschen unterworfen, die, 806 von Halle (Burg Giebichenstein) aus, an Saale und Elster Schanzen und später Burgen anlegen. Aus diesen Stützpunkten wie Leuchtenburg, Lobedaburg, Dornburg, Kamburg, Eisenberg, Crossen u. dgl. entstanden die späteren Burgwarde als politische, rechtliche und wirtschaftliche Verwaltungs- und Herrschaftsbezirke. Aus den vom niederen Adel im flachen Lande errichteten Netz von Rittersitzen (Rittergütern) und den sich von diesen lehn- und fronpflichtig gemachten Bauernhöfen erwuchsen unsere Dörfer, so auch Hermsdorf (Hermannsdorf), das wie alle Ortschaften auf -dorf eine deutsche Gründung des 10./12. Jahrhunderts sein dürfte.
Auch hier hat der Volksmund über den Ursprung von Hermsdorf eine Sage erdacht: An der Regensburger Straße, im Walde an derselben Stelle, wo jetzt noch der Gasthof steht, stand in „uralten Zeiten" ein einzelnes Gasthaus, das den Namen „Der schwarze Bär im grünen Walde" führte. Nicht weit davon, im späteren Hermsdorfer Kirchengeholz, waren zwei sich auf einer Wallfahrt nach St, Gangloff befindende Besitzerinnen von Schöngleina von Räubern angefallen und durch einige in der Nähe befindliche Köhler gerettet worden. Als jene sich gerettet sahen, sollen sie mehrmals ausgerufen haben: „Her muss Dorf" (d. h. „Hier her muss ein Dorf"), woraus der Name Hermsdorf entstanden sei. Zum Zeichen der Dankbarkeit hatten diese beiden Wallfahrerinnen in der Nähe eine Kirche erbaut und ein bedeutendes, ihnen zugehöriges Stück Wald sowie mehrere Grundstücke zum Ansiedeln gegen einen Erbzins an die Kirche abgetreten. -
Um die Zeit der beginnenden Vollblüte des Feudalismus - 968 -
faßt Kaiser Otto I., der Aneigner des gesamten eroberten Grund und Bodens, als oberster Feudalherr diese Burgwardeien in drei Marken zusammen, wobei Hermsdorf mit Eisenberg zur Mark Zeitz, später Naumburg, kommen. Da es neben den weltlichen Feudalherren noch die kirchlichen gab, die gleichermaßen als größter Grundbesitzer mit dem Krummstab dem Schwert in die eroberten Gebiete folgten, wurde im gleichen Jahre auch das Erzbistum Zeitz errichtet. Dieses christianisierte nunmehr durch Errichtung von Kapellen, Kirchen und Klostern vom 12. bis 14 Jahrhundert nicht nur die Heiden, sondern begann auch in gleicher Weise im Wege des Lehensverhältnisses sich „Untertanen", d. h. ebenfalls hörige und leibeigene Bauern zu schaffen und enteignete die Slaven vom Grund und Boden.

Das zeigen uns die Klostergründungen von Lausnitz (Lusenice) im Jahre 113
2, Petersberg 1148 und Eisenberg 1213 auf, worüber uns alte Urkunden ein lebendiges Bild vermitteln. Zur eigentlichen Kolonisierung, d. h. Durchdringung des flachen Landes mit Deutschen und Erhöhung des Bodenertrages, rief man deutsche Ansiedler aus Franken, Sachsen und Thüringen herbei, so dass um 1219 und 1278 fränkisches Recht („lex salica") nachgewiesen ist.
Auch deutet die fränkische Bauart der Häuser darauf hin. Am frühesten werden - neben Buchheim 1190 - Hermsdorf und Kraftsdorf 1256, Reichardtsdorf 1259, Reichenbach 1262 und Seifartsdorf 1278 urkundlich genannt.
Am 10. Januar 1256 (s. Originaltext der Urkunde i. Anhang) übereignet Heinrich (d. Erlauchte), Markgraf von Meißen, Landgraf von Thüringen und Pfalzgraf von Sachsen, also Oberlehnsherr ,dy zcwei Dorffere (Dörfer) Hermestorff (Hermsdorf) und Crafftistorff (Kraftsdorf) mit alter Zcugeherunge (Zubehör . . ." dem „ehrwürdigen Konvent" „zur Lusenice" (Kloster Lausnitz) als richtiges Eigentum, also nicht in Lehen, wie dies bisher das Adelsgeschlecht von Kirchberg besaß.
Damit gingen die bisher diesem in Jena durch die drei Burgen Kirchberg, Windberg und Greifberg mit dem heutigen Rest des Fuchsturmes begüterten Lehnsherren zustehenden Lehns-Verpflichtungen (Waffenfolge, Erbzins, Natural- und Fronleistungen usw.) auf das Kloster Lausnitz über. Dadurch brauchte zwar Hermsdorf in dem zur gleichen Zeit ausgebrochenen Dynastenkrieg (Erbfolge­krieg) dem Kirchberger keinerlei Hilfe mehr zu leisten und wurde, da jetzt „Untertan" des Klosters Lausnitz, als dessen Grundeigentum von den laufenden Plünderungen und Kriegshandlungen verschont, jedoch nicht von den bisherigen Leistungen.
So wissen wir, dass das Kloster 1277 die Gerichtsbarkeit über alle seine in Eisenberger Amte liegenden Dörfer, Allode (persönliches Eigentum) und. Güter also auch über Hermsdorf ausübte mit Ausnahme der sog. „Halsgerichte" (Hat,, und Hand, also Todesurteil und Verstümmeln); letztere Urteile wurden lediglich von einem landesherrlichen Gericht, bzw. dem Vogt von Eisenberg als weltlichem, kaiserlichen Beamten ausgesprochen. Die Vollstreckung des Urteils aber wurde durch das Kloster ausgeführt! Das Mittelalter kannte ja nur Leibes- und Lebensstrafen sowie Geldstrafen, die gerade den Unbemittelten - die Bauern nannten sich vielfach nur „wir Armen" - mit besonderer Schärfe traf. Gefängnisstrafen wandte man kaum an, obwohl auch im Kloster Lausnitz der sog, „Stock" vorhanden war; dies war eine Vorrichtung zum Anschließen der Arme und Füße bei Untersuchungsgefangenen. Verhängte Strafgelder und Arbeitsleistungen kamen dem Kloster zugute.
Die ökonomische Grundlage der feudalistischen Gesellschaftsordnung war die Grundherrschaft und die daraus resultierende Grundrente: dem Kloster Lausnitz waren nach einem Besitzstandsverzeichnis vom 19. März 1526 36 Dörfer und Städte zins- und fronpflichtig; die Abgaben bestanden in Geld, Lämmern, Hühnern, Eiern, Käse, Korn, Wachs und Talg.
Hermsdorf musste jährlich 2 Schock 34 gr 2 Pf = 1850 Pfennig nebst 51 Hühnern entrichten; das war ein hoher Betrag, wenn bedenkt, dass um diese Zeit der Bauer für ein Pfund Rindfleisch nur 8 Pfennig erhielt. Aus dem Hermsdorfer Dorfteich mussten außerdem 5 große Laichkarpfen und 600 Setzlinge abgeliefert werden.
Aber auch beim Klosterbau und Kirchenbau selbst mussten die Bauern Spann­fuhren durchführen und andere Leistungen als Frondienste verrichten. –

 
Josef-Stalin-Straße [Anmerkung: heute Eisenberger Strasse]
Bebel Strasse
Wohnhäuser in der August-Bebel-Straße