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Geschichtlicher
Abriss von Hermsdorf und seiner Umgebung
Im
Jahre 1881 prägte der verdiente und weit über die Grenzen unserer Heimat
hinaus bekannte Geologe und Ornithologe Prof. Karl Theodor Liebe den Begriff
„Ostthüringen" für ein Gebiet, (dessen Umgrenzung sowohl auf geographischer
und geologischer Grundlage beruht, als auch landschaftliche, geschichtliche
und wirtschaftliche Gründe besitzt.
Den äußersten Nord-Ostteil dieses einheitlichen Gebietes nimmt das sogen,
„Altenburger Holzland" oder „die Heide" ein, das starke Waldgebiet
um und bei Hermsdorf, das als geologischen Untergrund den mittleren Buntsandstein
mit gelblicher Färbung hat, auf den im übrigen der ganze Landschaftscharakter
mit seiner Flora und wirtschaftlichen Betätigung zurückzuführen ist.
In der Diluvialzeit, der letzten der drei für Mitteldeutschland nachweisbaren
Eiszeiten, wo die nordischen Gletscher bis in unsere Gegend vordrangen
und Raubtiere wie Höhlen-Löwen und -Bären neben den Großtieren wie Mammut
und wollhaariges Nashorn unsere Gegend durchstreiften, tritt zum ersten
Male bei uns in Gera vor 120 000 Jahren der Mensch auf, In Horden lebend
und ein Sammler- und Jägerdasein führend, zog er umher und führte einen
harten Kampf gegen wilde Tiere und die Unbilden der Natur, bis nach Zehntausenden
von Jahren nach Verbesserung der steinernen Produktionsinstrumente - vom
ersten roh zu behauenen Faustkeil bis zu den mannigfaltigen kleinen Spezialwerkzeugen,
ebenfalls aus Stein - uns zahlreiche Funde in der mittleren und jüngeren
Steinzeit von stärkerer Besiedlung künden, So insbesondere auch die reichlich
gemachten Einzel- wie Siedlungs- und Gräberfunde der jüngeren Steinzeit
um 3500 v. d. Z. bei Hermsdorf (Feuersteinmesser), Eisenberg (Ansiedlung
mit Herdgruben und Wohngruben der Bandkeramiker), St. Gangloff,
Klosterlausnitz (Steinbeil mit Steinhammer), Rauda
und vor allem Seifartsdorf mit vielen Grabhügeln
der Schnurkeramiker.
Die Menschen der Urgemeinschaft waren inzwischen sesshaft geworden und
hatten sich zu Stämmen der Ackerbauer und Viehzüchter entwickelt, benutzten
jetzt geschliffene Steine als Werkzeuge und Waffen und betrieben eifrig
Töpferei; nach der Verzierung ihrer Gefäße mit Bändern oder Schnuren legt
man ihnen obige Namen bei.
Aus der folgenden Bronzezeit liegen in unserer unmittelbaren Umgebung
nur spärliche Einzelfunde vor, was auf geringere Besiedlung in dieser
Zeit um 1800 his 800 v. d. Z. schließen lässt; bemerkenswert das 1881
in Hermsdorf beim Bahnbau gefundene Bronzeschwert des Möriger
Typus!
So wie nach den Funden in verschiedenen Zeitabschnitten Ostthüringen
den Charakter eines Durchzugsgebietes behielt, setzte auch in der folgenden
Eisenzeit um 500 v. d. Z. eine lebhafte Völkerbewegung bei uns ein:
vom Norden her dringen germanische Stämme in unser Gebiet ein und verdrängen
die hier angesessenen Kelten südwärts, was ein frühgermanischer Urnenfriedhof
in Gera bezeugt. Nach der für unser Gebiet mit Funden kaum belegten
Völkerwanderungszeit
bis zum 6. Jahrhundert nach d. Z. und der damit stark verringerten Bevölkerung
leiten die vom Süden her entlang der oberen und mittleren Elbe bis zur
Unstrut eingewanderten und dann Saale- und Elster aufwärts
um 800 zu uns gekommenen Sorben die sog, Slavenzeit ein. Funde von Schmelzeisenstücken, Raseneisenerz
und Teile von Schmelzvorrichtungen in Eisenberg künden von dieser Zeit,
auf welche (die Gründung vieler Dörfer mit ihnen sklavischen Namen
wie
Aubitz, Nischwitz, Rauschwitz, Döllschütz, Pretschwitz, Stübnitz, Rauda, Saara usw., aber auch zahlreiche Sprachreste (Jauche, Kien,
Kumt, Quark, Mutsche, Plauze) und Sitten und
Gebräuche (Frischegrünepeitschen zu Weihnachten,
Osterwasser usw.) zurückgehen.
Der Drang nach dem Osten und die im Zuge der Ausbreitung und Verstärkung
des Feudalismus betriebene Unterwerfung der noch nicht feudalisierten
Gebiete und Volker bringt einen harten Abwehrkampf der Slaven
auch unseres Gebietes gegen die über die Saale, die ehemalige Grenze
der Sorbischen Mark von dem alten Thüringer Reich, vordringenden Deutschen.
Durch die Anfang und Ende des 9. Jahrhunderts von der Saale zuerst an
die Elster und dann an die Elbe verlegte Grenze des Sorbenlandes
wird auch unser Gebiet westlich der Elster von Deutschen unterworfen,
die, 806 von Halle (Burg Giebichenstein) aus, an Saale und Elster Schanzen und später
Burgen anlegen. Aus diesen Stützpunkten wie Leuchtenburg, Lobedaburg, Dornburg, Kamburg, Eisenberg,
Crossen u. dgl. entstanden die späteren Burgwarde als politische, rechtliche
und wirtschaftliche Verwaltungs- und Herrschaftsbezirke. Aus den vom niederen
Adel im flachen Lande errichteten Netz von Rittersitzen (Rittergütern)
und den sich von diesen lehn- und fronpflichtig gemachten Bauernhöfen
erwuchsen unsere Dörfer, so auch Hermsdorf (Hermannsdorf),
das wie alle Ortschaften auf -dorf eine deutsche Gründung des 10./12.
Jahrhunderts sein dürfte.
Auch hier hat der Volksmund über den Ursprung von Hermsdorf eine Sage
erdacht: An der Regensburger Straße, im Walde an derselben Stelle, wo
jetzt noch der Gasthof steht, stand in „uralten Zeiten" ein einzelnes
Gasthaus, das den Namen „Der schwarze Bär im grünen Walde" führte.
Nicht weit davon, im späteren Hermsdorfer Kirchengeholz, waren zwei sich
auf einer Wallfahrt nach St, Gangloff befindende
Besitzerinnen von Schöngleina von Räubern angefallen und durch einige in der
Nähe befindliche Köhler gerettet worden. Als jene sich gerettet sahen,
sollen sie mehrmals ausgerufen haben: „Her muss Dorf" (d. h. „Hier
her muss ein Dorf"), woraus der Name Hermsdorf entstanden sei. Zum
Zeichen der Dankbarkeit hatten diese beiden Wallfahrerinnen in der Nähe
eine Kirche erbaut und ein bedeutendes, ihnen zugehöriges Stück Wald sowie
mehrere Grundstücke zum Ansiedeln gegen einen Erbzins an die Kirche abgetreten.
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Um die Zeit der beginnenden Vollblüte des Feudalismus - 968
- faßt Kaiser Otto I., der Aneigner des gesamten
eroberten Grund und Bodens, als oberster Feudalherr diese Burgwardeien in drei Marken zusammen, wobei Hermsdorf mit
Eisenberg zur Mark Zeitz, später Naumburg, kommen. Da es neben den weltlichen
Feudalherren noch die kirchlichen gab, die gleichermaßen als größter Grundbesitzer
mit dem Krummstab dem Schwert in die eroberten Gebiete folgten, wurde
im gleichen Jahre auch das Erzbistum Zeitz errichtet. Dieses christianisierte
nunmehr durch Errichtung von Kapellen, Kirchen und Klostern vom 12. bis
14 Jahrhundert nicht nur die Heiden, sondern begann auch in gleicher Weise
im Wege des Lehensverhältnisses sich „Untertanen",
d. h. ebenfalls hörige und leibeigene Bauern zu schaffen und enteignete
die Slaven vom Grund und Boden.
Das zeigen uns die Klostergründungen von Lausnitz (Lusenice)
im Jahre 1132, Petersberg 1148 und Eisenberg 1213 auf, worüber uns alte
Urkunden ein lebendiges Bild vermitteln.
Zur eigentlichen Kolonisierung, d. h. Durchdringung des flachen
Landes mit Deutschen und Erhöhung des Bodenertrages, rief man deutsche
Ansiedler aus Franken, Sachsen und Thüringen herbei, so dass um 1219 und
1278 fränkisches Recht („lex salica")
nachgewiesen ist.
Auch deutet die fränkische Bauart der Häuser darauf hin. Am
frühesten werden - neben Buchheim 1190 - Hermsdorf und Kraftsdorf 1256,
Reichardtsdorf 1259, Reichenbach 1262 und Seifartsdorf
1278 urkundlich genannt.
Am 10. Januar 1256 (s. Originaltext der Urkunde i. Anhang)
übereignet Heinrich (d. Erlauchte), Markgraf von Meißen, Landgraf von
Thüringen und Pfalzgraf von Sachsen, also Oberlehnsherr ,dy
zcwei Dorffere (Dörfer) Hermestorff (Hermsdorf)
und Crafftistorff (Kraftsdorf) mit alter Zcugeherunge
(Zubehör . . ." dem „ehrwürdigen Konvent" „zur Lusenice"
(Kloster Lausnitz) als richtiges Eigentum, also nicht in Lehen, wie dies
bisher das Adelsgeschlecht von Kirchberg besaß.
Damit gingen die bisher diesem in Jena durch die drei Burgen Kirchberg,
Windberg und Greifberg mit dem heutigen Rest des Fuchsturmes begüterten
Lehnsherren zustehenden Lehns-Verpflichtungen
(Waffenfolge, Erbzins, Natural- und Fronleistungen usw.) auf das Kloster
Lausnitz über. Dadurch brauchte zwar Hermsdorf in dem zur gleichen Zeit
ausgebrochenen Dynastenkrieg (Erbfolgekrieg) dem Kirchberger
keinerlei Hilfe mehr zu leisten und wurde, da jetzt „Untertan" des
Klosters Lausnitz, als dessen Grundeigentum von den laufenden Plünderungen
und Kriegshandlungen verschont, jedoch nicht von den bisherigen Leistungen.
So wissen wir, dass das Kloster 1277 die Gerichtsbarkeit über alle seine
in Eisenberger Amte liegenden Dörfer, Allode
(persönliches Eigentum) und. Güter also auch über Hermsdorf ausübte mit
Ausnahme der sog. „Halsgerichte" (Hat,,
und Hand, also Todesurteil und Verstümmeln); letztere Urteile wurden lediglich
von einem landesherrlichen Gericht, bzw. dem Vogt von Eisenberg als weltlichem,
kaiserlichen Beamten ausgesprochen. Die Vollstreckung des Urteils aber
wurde durch das Kloster ausgeführt! Das Mittelalter kannte ja nur Leibes-
und Lebensstrafen sowie Geldstrafen, die gerade den Unbemittelten - die
Bauern nannten sich vielfach nur „wir Armen" - mit besonderer Schärfe
traf. Gefängnisstrafen wandte man kaum an, obwohl auch im Kloster Lausnitz
der sog, „Stock" vorhanden war; dies war eine Vorrichtung zum Anschließen
der Arme
und Füße bei Untersuchungsgefangenen. Verhängte Strafgelder
und Arbeitsleistungen kamen dem Kloster zugute.
Die ökonomische Grundlage der feudalistischen Gesellschaftsordnung
war die Grundherrschaft und die daraus resultierende Grundrente: dem Kloster
Lausnitz waren nach einem Besitzstandsverzeichnis vom 19. März 1526 36
Dörfer und Städte zins- und fronpflichtig; die Abgaben bestanden in Geld,
Lämmern, Hühnern, Eiern, Käse, Korn, Wachs und Talg.
Hermsdorf musste jährlich 2 Schock 34 gr
2 Pf = 1850 Pfennig nebst 51 Hühnern entrichten; das war ein hoher Betrag,
wenn bedenkt, dass um diese Zeit der Bauer für ein Pfund Rindfleisch nur
8 Pfennig erhielt. Aus dem Hermsdorfer Dorfteich mussten außerdem 5 große
Laichkarpfen und 600 Setzlinge abgeliefert werden.
Aber auch beim Klosterbau und Kirchenbau selbst mussten die
Bauern Spannfuhren durchführen und andere Leistungen als Frondienste
verrichten. –
Josef-Stalin-Straße [Anmerkung: heute Eisenberger
Strasse]
Wohnhäuser in der August-Bebel-Straße |