Teil 1 - Brauwesen in Hermsdorf
    
 
Nach alten geschichtlichen Aufzeichnungen wurde in Hermsdorf schon in früher Zeit gebraut. Dies geschah vorerst für den Eigenbedarf, später auch zum Verkauf, damit auch als Möglichkeit den Lebensunterhalt aufzubessern.
1659 Braurecht   1659 Braurecht
Darstellung des Braurechtes der Hermsdorfer ab 1655 in den Festumzügen zur 700 bzw. 750-Jahr-Feier, links 1956 und rechts 2006.
 

Aus der Chronik ist überliefert, dass 1655 die Hermsdorfer Bürger aus einem Gerichtsstreit mit Nicol Tammrich, dem Wirt der Gaststätte „Zum Schwarzen Bär“, als Sieger hervorgingen. Sie erhielten das Brau- und Schankrecht, welches bis dahin nur den Gastwirten vorbehalten war und der Reihenschank wurde eingeführt. Reihenschank bedeutete, dass jeder Brauberechtigte eine Woche selbst gebrautes Bier ausschenken durfte. Sichtbares Zeichen, wo dieser Ausschank gerade erfolgte, war die Bierstange. Dazu wurde eine Stange, mit einem daran befestigten Kranz, gut sichtbar am Haus ausgehängt. Die gute Stube wurde ausgeräumt und als Gaststube eingerichtet.
Zur 700-Jahr-Feier von Hermsdorf im Jahr 1956 wurde diese Tradition letztmals ausgeführt, damals aber nicht mehr mit "selbst gebrautem", sondern mit Bier aus der Riebeck-Niederlage.
Der Reihenschank starb mit der Zeit nicht nur in Hermsdorf, sondern auch im Holzland aus. Ursache war, dass die Menschen ihr Geld mit anderen Arbeiten verdienten, die Brauereien das Bier billiger brauten. Außerdem trugen gesetzliche Bestimmungen und Verordnungen zum Niedergang dieser Tradition bei, da Konzessionen erteilt und Hygienevorschriften beachtet werden mussten.

1928 Demontage des E-Werkes im Elektrizitäts- und Sägewerk Völkel im Felsenkellerweg.
1928 Demontage des E-Werkes im Elektrizitäts- und Sägewerk Völkel im Felsenkellerweg.
Der Heizkessel wird abtransportiert. Rechts im Bild das Geschäft von Eduard Lauckner.
Bildmitte das Haus des Fleischermeisters Peuckert, zu dieser Zeit durch Richard Gräfe gepachtet.
Links im Bild die Ecke des Hauses Eisenberger Str. 24, mit dem Reklameschild der Riebeck-Brauerei, dort befand sich die Bierstange.

Trotzdem gab es bis zum Ausbruch des 2.Weltkrieges in Hermsdorf noch eine Bierstange. Sie befand sich in der Eisenberger Str. 24, bei Albin Schröter „Bussels Albin“. Er hatte eine Flaschenbierhandlung und verkaufte Bier aus der Riebeck-Brauerei, Niederlage Hermsdorf. Mehrmals im Jahr fand auf dem Rathausplatz Jahrmarkt statt. In dieser Zeit hatte Albin Schröter jedes Mal für eine Woche das Schankrecht, ebenfalls beim Bockbieranstich. Dann wurde seine Stube ausgeräumt und als Gastraum umfunktioniert. Seine Frau Alma Schröter kochte einen vorzüglichen Rumkaffee. Als äußeres Zeichen hing dann am Haus ein grüner Kranz, an einer Stange, eben die Bierstange.
Eine Woche lang herrschte nun bei „Bussels“ Stimmung und gute Laune. Aber auch sonst traf sich die Nachbarschaft mehrmals in der Woche in der Küche bei Alma zum fröhlichen Feierabendumtrunk. Im Volksmund hieß die Bierstange allerdings auch „Bockschänke“. Bei „Bussels“ stand nämlich der Gemeindeziegenbock im Stall, zu dem die Hermsdorfer Ziegenhalter ihre Ziegen zur „Heirat“ brachten.

Bockbierfest
Bockbierfest


 
Beleg der Braugemeinde zu Hermsdorf über Einnahmen und Ausgaben von 1856 bis 1858
Beleg der Braugemeinde zu Hermsdorf über Einnahmen und Ausgaben von 1856 bis 1858
 
Rechnung vom Juni 1863
Rechnung vom Juni 1863
 
Rechnung vom 19.12.1870
Rechnung vom 19.12.1870
 
Rechnung vom 25.12.1870
Rechnung vom 25.12.1870
Traugott Gruner (Grunertsbacker) lieferte 5 Sack Braugerste
 
Rechnung an die Braukommune Hermsdorf, vom 24.03.1873
Rechnung an die Braukommune Hermsdorf, vom 24.03.1873
Gottfried Fuchs aus Eingeborn lieferte an die Braukommune (Empfänger J.F. Wittig) Giftkugeln.
 
Rechnung vom 1873
Rechnung vom 1873
 

Im Jahr 1876 wurden in Hermsdorf zwei Brauereien gegründet:

1. die Kommunebrauerei Blaudruck Eigentümer Chemnitz - die Brauerei wurde  1905 verkauft und Gemeindebrauerei O.Keucher - bisher konnte der Standort dieser Brauerei nicht in Erfahrung gebracht werden. Um 1910 wurde die Brauerei geschlossen.

2. Die Brauerei L. Sternkopf - verkauft 1910, dann die Brauerei an Reinhold Serfling. Der Standort dieser Brauerei war in der Bergstraße, Höhe Raudabach. Nachdem dort die Bierbrauerei eingestellt wurde, befand sich noch die Werkstatt des Tischlermeisters Günther dort. Das Haus wurde später abgerissen.

Laut Adressbuch von 1912 gab es in der Bergstraße 27:
Bandrock, Emil - Kellner
Bandrock, Hermann - Mineralwasser-Fabrikant
Bandrock, Louis Brauer und Moritz Brauer. Es ist nicht bekannt, ob diese mit einer der beiden Brauereien im Zusammenhang stehen.


Laut Adressbuch von 1912 gab es in der Bergstraße 24:

Paul, Serfling - Kellermeister. Paul Serfling war um 1925 Bierverleger in der Ernststr. 2 (im Objekt "Zum Schwarzen Bär") und laut Grundbuchauszug vom 4.Juni 1927 Gastwirt "Zur Linde" bis 1948.

 
Bierflasche von Paul Serfling     Bierflasche von Paul Serfling
Bierflasche von Paul Serfling vermutlich aus seiner Zeit als Bierverleger um 1925 bis 1927.
 
Altstadtansicht mit Brauhaus in der Bergstraße.
Altstadtansicht mit Brauhaus in der Bergstraße.
 
Altstadt mit Brauhaus
Blick auf die Bergstraße, Bild Mitte links neben Schornstein der Turm des Brauhauses.

Brauhaus in der Bergstraße
 
Konzession Steingrüber

Erlaubnisschein
Dem Ökonom und Fuhrmann Gustav Steingrüber in Hermsdorf wird
andurch Erlaubnis erteilt in seinem Wohnhause Kleinhandel mit Branntwein und Branntweinschank zu betreiben.
Roda am 2. November 1878
der herzogl. Landrat

Im Jahr 1875 wurde die Eisenbahnlinie Gera - Weimar in Betrieb genommen. Dies bedeutete den Untergang der Fuhrmänner, die sich andere Arbeit suchen mussten.

Gustav Steingrüber erhielt eine Konzession für den Ausschank von Branntwein. Laut Adressbuch von 1912 ist er dann in der Ernststraße als Seilermeister eingetragen.

 
1914 Porzellanwerk 1914 erhielt Louis Kraft die Erlaubnis, in der Kantine der
Porzellanfabrik Bier, Branntwein und Viktualien
zu verkaufen.
Dieser Verkauf von Alkohol im Betrieb wurde bis 1945 (siehe Teil 2) durchgeführt.

Später hatte Louis Kraft eine eigene Gastwirtschaft, das "Bergschlösschen"
(Schillerstraße / Waldgasse / Bergstraße). Er verstarb am 11.03.1931
und seine Frau Anna Kraft führte die Gaststätte weiter.

 

 

Von lat. victus „Lebensmittel, Vorräte“ - historische Bezeichnung für Lebensmittel.