VEB Keramische Werke Hermsdorf
- aus der Festschrift zur 700-Jahr-Feier von Hermsdorf 1956 |
Am 1. Januar 1890 nahm die damalige Porzellanfabrik die Arbeit mit der Herstellung von Geschirrporzellan auf. Seit dieser Zeit hat sich der Betrieb zu einem der bedeutendsten keramischen Werke der Welt entwickelt. Auch an unserem Ort ging der Aufschwung des Werkes nicht spurlos vorüber, Hermsdorf verwandelte sich aus einem wenig bekannten Holzlanddorf in einen weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannten Industrieort. Die ständig steigende Belegschaftszahl des Werkes führte zu einer schnellen Vergrößerung des Ortes und zum Anwachsen der Einwohnerzahl. Ökonomisch wurde das Werk immer mehr zur Hauptbasis des Holzlandes. Für die meisten werktätigen Menschen stellt es die Existenzgrundlage dar. Es trägt darüber hinaus ständig direkt und indirekt zur Belebung des örtlichen Gewerbes und Handels bei. Auch auf kulturellem und sozialem Gebiet ist das Keramische Werk zum Mittelpunkt unseres Ortes geworden. Seine vorbildlichen kulturellen und sozialen Einrichtungen stellen unter Beweis, dass die werktätigen Menschen beim Aufbau des Sozialismus in der Deutschen Demokratischen Republik schon große Erfolge errungen haben. Die nahe liegende Frage, warum ein so großes Unternehmen, wie die Hermsdorfer Porzellanfabrik, gerade hier entstand, kann der Heimatforscher mit einem Hinweis auf die alte Rolle Hermsdorfs in der Verkehrs- und Wirtschaftsgeschichte des Thüringer Landes beantworten. Seit uralten Zeiten hat die Handelsstraße von Regensburg nach Naumburg, eine der wichtigsten Verkehrsadern zwischen Süd und Nord des deutschen Vaterlandes, durch Hermsdorf geführt. Hermsdorfer Fuhrleute bereisten mit ihren schwer beladenen Güterwagen das ganze deutsche Land und teilweise sogar die angrenzenden Staaten. Hermsdorfer Frachtwagen sah man in den Alpen und Karpaten, an der Ostsee und an der Nordsee, in Polen und am Rhein. Unternehmungsgeist und Strebsamkeit haben von jeher in Hermsdorf und den anliegenden Ortschaften gewohnt. Auch die Porzellan-Industrie
war im „Altenburgischen" schon lange vor der Gründung
der Hermsdorfer Fabrik bekannt. Aber die Hauptgründe für die
Errichtung des Werkes in Hermsdorf sah der kapitalistische Unternehmer
jener Zeit, der bereits die Porzellanfabrik in Kahla betrieb, einerseits
in den Arbeitskräften, die in dem existenzarmen Waldgebiet vorhanden
waren und sich aus Not, der Profitgier opferten und andererseits in dem
Brennholzreichtum des Holzlandes. Brennöfen wurden ja bekanntlich
in jener Zeit noch mit Holz gefeuert. Hinzu kam noch die frachtgünstige
Lage zu den Rohstofflägern des Oschatzer und Halle'schen Gebietes
sowie die zentrale Lage für den Absatz. Die Geschichte
hat bewiesen, dass die kapitalistischen Unternehmer mit der Schaffung
großer. Industriebetriebe gleichzeitig ihren Totengräber -
das Industrieproletariat - schufen. Unter dieser Bezeichnung entwickelten sich die Werke zu einem Unternehmen von Weltruf. Das bekannte Tridelta Warenzeichen, drei übereinander, gesetzte Dreiecke, welche eine stilisierte Delta-Glocke darstellen, wurde in vielen Ländern der Erde zu einem Qualitätsbegriff. (Die Delta-Glocke war eine der bedeutendsten Erfindungen, welche in Hermsdorf im Jahre 1897 gemacht wurden. Diese Erfindung hat in der Isolatorentechnik umwälzend gewirkt und ihren Weg durch die ganze Welt gemacht). Die Jahre von der Aufnahme der Isolatoren-Fabrikation bis etwa gegen 1920 galten fast ausschließlich der Fortentwicklung der Hochspannungsisolatoren. Es entstanden in diesem Jahr die ersten großen Versuchsfelder, in welchen Prüfungen bis zu 1 Million Volt Wechselstrom durchgeführt werden konnten. Sehr gut eingerichtete Laboratorien für keramische, physikalische und elektromechanische Forschungen und Prüfungen wurden eingerichtet und ständig erweitert, und der sich laufend vergrößernde Stab von wissenschaftlichen Mitarbeitern bildete mit die Grundlage für den Ruf des Werkes. Aber alle
nach außen hin glänzenden Erfolge des kapitalistischen Wirtschaftssystems
- siehe auch heute das so genannte Wirtschaftswunder in Westdeutschland
- enden zwangsläufig in Wirtschaftskrisen und im Krieg. So blieb
auch das Porzellanwerk in Hermsdorf von der großen Wirtschaftskrise
von 1929 bis 1933 nicht verschont. Rücksichtslos wurden die Arbeiter
und Angestellten auf, die Straße geworfen und die Belegschaft auf
wenige hundert reduziert. Mancher Holzländer wird sich noch heute
dieser Zeit erinnern. Mancher wird aber die wahren Hintergründe solcher
kapitalistischen Wirtschaftskatastrophen auch heute noch nicht erkannt
haben. Während
des faschistischen Raubkrieges wurde mit der Vergrößerung,
der Fronten der weitaus größte Teil der männlichen Arbeitskräfte
als Kanonenfutter in die Schützengräben geworfen. Die freigewordenen
Arbeitsplätze wurden mit Sauckel' schen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen
aus fast allen europäischen Ländern, vor allem aus der Sowjetunion
besetzt. Mehr als 2800 Zwangsarbeiter wurden in Hermsdorf zur Arbeit gepresst. 1947 auf 255,2
% Die Sowjetunion
half uns beim Aufbau des Werkes. Sie war gleichzeitig der Hauptabnehmer
und ist es auch heute noch. Produziert wird seitdem nicht mehr für
den Krieg, sondern für den Frieden! Die Erzeugnisse überschritten
in ihrer Qualität den Vorkriegsstand und erlangten wieder ihren alten
Weltruf.
Vergrößerung angeschafft. Weiterhin wurde das Hochspannungsversuchsfeld mit einer Prüfanlage von 1,5 MV neu eingerichtet. Beachtliche Mittel wurden auch für soziale und kulturelle Zwecke bereitgestellt. Das Werk besitzt heute eine modern eingerichtete Poliklinik mit einem Nachtsanatorium, einen großen Kindergarten sowie eine Kinderkrippe, ein Kulturhaus mit einem großen Kinosaal und ein werkseigenes Erholungsheim. Im Jahre 1952 befand sich auch unser Werk unter den 66 Werken, die damals in die Hände des deutschen Volkes übergeben wurden. Seitdem arbeitet das Hermsdorfer Werk mit seinem Geraer Montagebetrieb erfolgreich weiter unter der Firmenbezeichnung „VEB Keramische Werke Hermsdorf." Durch die großzügige Unterstützung, welche unser Arbeiter-und-BauernStaat dem wissenschaftlichen Fortschritt angedeihen lässt, konnten auch in der jüngsten Vergangenheit die Forschungsstätten weiter verbessert werden. Z. B. wurde im Jahre 1955 eine Zeitlupenkamera investiert, mit welcher 18 000 Aufnahmen/sec. hergestellt werden können. Der VEB Keramische Werke Hermsdorf hat damit die besten Voraussetzungen für die erfolgreiche Einführung der neuen Technik, und es kann behauptet werden, dass kaum ein keramisches Werk in der Welt derartige Möglichkeiten besitzt. Der VEB Keramische Werke Hermsdorf kann sowohl in technischer als auch wissenschaftlicher Bedeutung mit anderen technischen Porzellanfabriken kaum verglichen werden. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass die meisten seiner vielen tausend Erzeugnisse stark veredelt werden und dass auf diesem Sektor fast genau so viel Menschen beschäftigt sind, wie auf der keramischen Seite. Die großen Montage und Endfertigungsabteilungen erwecken eher den Eindruck einer Maschinen-, als den einer Porzellanfabrik. Auch die Typenstruktur ist grundverschieden von derjenigen der übrigen technischen Porzellanfabriken und bedingt dadurch im Wesentlichen auch ganz andere Abnehmerkreise. Auch auf dem Porzellansektor ist die Fertigungsgruppe der chemisch-technischen Erzeugnisse in den letzten Jahren zu besonderer Bedeutung gelangt. Die chemische Industrie verwendet Porzellanausrüstungen von den kleinsten bis zu den größten Abmessungen, die durch einige Stockwerke hindurchgehen. Das Hermsdorfer Hartporzellan ist korrosionsbeständig gegen fast alle Säuren. Die beachtliche Verschleißfestigkeit des Hermsdorfer Porzellans veranlasste weite Abnehmerkreise, sich großer Porzellanrohrleitungen zu bedienen. In der Zementindustrie, dem Bergbau und für Entaschungsleitungen in Kraftwerken beweisen Hermsdorfer Porzellanrohre ihre Überlegenheit gegenüber Stahlrohren täglich. Wie weit verbreitet die Hermsdorfer Erzeugnisse sind, kann wohl am besten damit klargelegt werden, dass fast in jedem Wohnhaus in der Deutschen Demokratischen Republik Erzeugnisse wahrnehmbar sind, z.. B. befinden sich Kondensatoren und Magnete Hermsdorfer Produktion in jedem Rundfunkgerät. Ein Fernsehgerät enthält allein ca. 60 Einzelteile, welche in den Keramischen Werken, bzw. im Montagebetrieb Gera, hergestellt worden sind. Auch fast alle Fahrrad-Dynamos, die in der DDR gefertigt werden, sind mit Hermsdorfer keramischen Magneten ausgerüstet. Darüber hinaus ist das Werk, wie schon erwähnt, im bedeutendsten Maße am Auf- und Ausbau unserer Energiewirtschaft, der chemischen Industrie, des Bergbaus usw. beteiligt. Mehr als die
Hälfte der Hermsdorfer Produktion wird nach vielen Ländern exportiert
oder geht in Exporterzeugnisse anderer Betriebe der DDR ein. Das Werk
konnte seinen Exportplan für das Jahr 1955 bis zum 21. Dezember erfüllen
und hat darüber hinaus noch in beachtlichem Umfange vorfristige Lieferungen
für das Jahr 1956 ausgeführt. Nach 1945 wurde in 29 Länder Wie einst die Hermsdorfer Fuhrleute von der Schaffenskraft der Holzlandbevölkerung Zeugnis ablegten, so tut das heute der VEB Keramische Werke Hermsdorf, indem er in repräsentativen Ausstellungen der Deutschen Demokratischen Republik fast alle europäischen und überseeischen Messen und Ausstellungen mit seinen Erzeugnissen beschickt. Damit beweisen
die Werktätigen unseres Werkes auch ohne Kapitalisten, dass deutsche
Qualitätsarbeit wieder Weltruf genießt. |
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