Aus der Geschichte der Keramischen Werke Hermsdorf

Mit freundlicher Genehmigung von Dr. Stefan  Serfling  
07629  Hermsdorf,  Am  Stadion 21 Telefon 036601 - 45030

Auszüge aus dessen Veröffentlichung  
"Unter dem Zeichen des  TRIDELTA".
zu beziehen direkt vom Autor  oder Kultur / Tourismus Stadtverwaltung
( 50 Seiten / DIN A 4 umfangreiche Ausführungen und Bildmaterial, 2,50 Euro + Porto ) 

Autor: Dr.St.Serfling
 

"Mit manchen Orten geht es abwärts, mit anderen aufwärts. Wer früher durch Hermsdorf ging, kennt sich kaum noch aus. Was ist in kurzer Zeit nicht alles entstanden! Wir haben jetzt in den Straßen Beleuchtung, die erste unter den Altenburger Dörfern. Wir haben ein Sieger -Denkmal, wir haben eine neue Schule gebaut, die in diesem Jahre noch erweitert wurde. Wir haben die Kirche restauriert und ein Kinderheim eingerichtet, auch zwei Sparkassen gebaut. Alte Häuser sind gefallen, viele neue erheben sich. Und nun ist auch der gewaltige Bau des Gemeindegasthofes am Rathaus fertig gestellt und wir sind zusammen gekommen, um ihn zu weihen."  [Zitat: Denner,R..: Die Geschichte der Porzellanindustrie in Kahla 1930 ]

Dies sind die Worte des greisen, im Holzland allgemein verehrten Gemeindevorstehers Karl Opel. Gesprochen wurden sie vor etwa 100 Jahren, anlässlich der Einweihung des Hermsdorfer Rathauses, am 1. Oktober 1897. Das, was Karl Opel an Errungenschaften für seinen Heimatort aufzählte, war in erster Linie der damals erst 7 jährigen Existenz der Porzellanfabrik Hermsdorf zu danken. An der Schwelle zum letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts setzte mit der Betriebsgründung eine Entwicklung ein, die in der Folgezeit zu einem enormen Aufschwung in der kleinen Holzlandgemeinde führte, der seinen Höhepunkt in der Verleihung des Stadtrechtes im Jahr 1969 fand. Das erste Ruhmesblatt wurde vor 100 Jahren geschrieben, als die Porzellanfabrik Hermsdorf zusammen mit Professor Robert M. Friese die Deltaglocke entwickelte. Diese damals grundsätzlich neue Form eines Hochspannungsisolators machte den Hermsdorfer Betrieb erstmals weltbekannt. Über ein Jahrhundert hat die Porzellanfabrik Hermsdorf, die später unter dem Namen  HESCHO  und Keramische Werke Hermsdorf ( KWH ) bekannt wurde, allen Stürmen getrotzt, die durch wechselnde politische und wirtschaftliche Wetterlagen aufkamen. Wirtschaftskrisen und zwei Weltkriege hinterließen zwar ihre Spuren, aber stets führten die Anstrengungen des Neubeginns zu neuer, vorher nicht gekannter Stärke. Erst die politische und wirtschaftliche Wende im Osten Deutschlands führte zu einer entscheidenden Zäsur. Viele Menschen erlebten dies unmittelbar und schmerzhaft durch den Verlust ihres Arbeitsplatzes. Die Ironie der Geschichte führte so manchen ehemaligen Beschäftigten im Rahmen einer ABM noch einmal in die Hallen und zu den Ausrüstungen zurück, die er einst mit aufgebaut hatte; diesmal um sie abzureißen.

Porzellan ist die edelste Keramik mit einem weißen, dichten und durchscheinenden Scherben. An der Schwelle zum 18. Jahrhundert ist der aus China und Japan importierte Artikel in unseren Breiten Luxus- und Statussymbol der Reichen und Mächtigen. Fieberhaft sucht man in halb Europa nach dem Geheimnis seiner Herstellung. Im Jahre 1709 gelingt Johann Gottfried Böttcher die Erfindung eines Hartporzellans, dessen Eigenschaften - im Gegensatz zu denen des asiatischen Weichporzellans - auch den anfänglichen Anforderungen an technisches Porzellan entsprechen. Um 1760 schaffen es die beiden Thüringer Macheleidt und Greiner unabhängig voneinander, Porzellan herzustellen. Das Vorhandensein besonders gut geeigneter kaolinhaltiger Sande, genügenden Feuerungsholzes und einer großen Anzahl billiger Arbeitskräfte führt dazu, dass es um 1800 in Thüringen bereits 12 Porzellanfabriken gibt.  Am 18. Mai 1843 erhält der Kaufmann Christian Eckardt eine Konzession zum Bau einer Porzellanfabrik in Kahla, die am 23. Oktober 1844 die Produktion aufnimmt. Durch Absatzprobleme infolge einer Überproduktionskrise gerät Eckardt bereits 1847 in finanzielle Schwierigkeiten, von denen er sich nicht wieder erholt. Es kommt schließlich zur Zwangsvollstreckung. Am 17. September 1856 erwirbt Friedrich August Koch die Fabrik und setzt seinen Schwager Robert Eduard Koch als Leiter ein. Der Absatz des Gebrauchsgeschirrs läuft im wesentlichen gut, die Zahl der Beschäftigten erhöht sich von 20 im Jahre 1857 auf 400 im Jahre 1885.  In den Jahren des allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwungs 1888 und 1889 ist eine impulsive Zunahme der Gründungen von Aktiengesellschaften in der deutschen Porzellanindustrie zu verzeichnen. In Thüringen ist es das Meininger Bankhaus B. M. Strupp, das in diesem Prozess maßgebend an Einfluss gewinnt. Seit 1872 wird die Kahlaer Fabrik von Hermann Koch geleitet. Als im Jahre 1887 das Bankhaus Strupp ihm zu seiner Entlastung die Gründung einer Aktien-Gesellschaft nahe legt, zeigt er ein beträchtliches Verständnis für diesen Gedanken, um so mehr, als er einsehen muss, dass das sich von Jahr zu Jahr umfangreicher gestaltende Unternehmen Geldmittel erfordert, die über seine Kräfte hinausgehen. Koch verkauft den Betrieb für 870 000 Mark an das Bankhaus, das die Kahlaer Anlagen im Januar 1888 in eine Aktiengesellschaft umwandelt. Als Hauptaktionär und Generaldirektor fingiert der ehemalige Besitzer Koch. Die eigentliche Machtbefugnis geht jedoch vom Vorsitzenden des Aufsichtsrates, Dr. Gustav Strupp, aus. 

Die Porzellanfabrik Hermsdorf 

Für den Standort Hermsdorf sprechen eine Reihe von Vorteilen: der große Holzreichtum des ‚Altenburger Holzlandes, die günstige Verkehrslage an der 1876 eröffneten Bahnlinie Gera - Weimar und das Vorhandensein zahlreicher Arbeitskräfte in dem existenzarmen Waldgebiet, verschärft durch den Umstand, dass mit Einführung mechanischer Sägemühlen im Holzland viele der früheren ‚Brettschneider‘ arbeitslos sind. Außerdem besitzen die Kahlaer Aktionäre seit Jahrzehnten Geschäftsbeziehungen zu Porzellanmalern und -händlern des Holzlandes, insbesondere im benachbarten Reichenbach, die ihre Produkte aus Kahla beziehen.  In der kurzen Bauzeit von März bis November 1889 wird in Hermsdorf eine für die damalige Zeit recht großzügige Porzellanfabrik mit 10 Rundöfen errichtet und am 1. Januar 1890 in betriebsfertigem Zustand an die Aktiengesellschaft übergeben.  Als die Fabrik unter dem Namen Porzellanfabrik Kahla, Filiale Hermsdorf - Klosterlausnitz am 6. Januar 1890 die Produktion aufnimmt, beginnt sie - dem Zweck ihrer Gründung gemäß - mit der ausschließlichen Fertigung von Porzellangeschirr für den Export. Dies alles fällt in eine Zeit der stürmischen Entwicklung der Elektrotechnik, die insbesondere mit der neuen Energieübertragung mit Drehstrom revolutionierend auf die Entwicklung der Produktivkräfte wirkt. So erfolgt im Jahr 1891 die erste Drehstrom-Kraft-Übertragung von Lauffen nach Frankfurt/Main mit Porzellan-Isolatoren der ‚Margarethenhütte‘ Großdubrau. Die Nachfrage nach Porzellanisolatoren steigt. Die Hermsdorfer Porzellanfabrik stellt sich sofort auf diese Entwicklung ein und nimmt im Sommer 1892 die Fertigung von elektrotechnischem Porzellan auf. (Die Geschirr-Produktion wird noch bis 1910 weitergeführt.) Anfangs sind es hauptsächlich Telegraphenglocken, bald aber werden auch Starkstrom- und vor allem Hochspannungsisolatoren ("Hochstromer") produziert. Die ursprünglich zur Elektroenergieübertragung eingesetzten Isolatoren zeigen Unzulänglichkeiten: Durchschläge des Porzellans oder Überschläge über die Oberfläche infolge atmosphärischer Einflüsse, wie Nebel oder Regen stören die Energieübertragung empfindlich. Es bedeutet daher einen außerordentlichen Fortschritt, als etwa zeitgleich 1896 / 97 in der Paderno-Glocke in Italien und in der Delta-Glocke in Deutschland grundsätzlich neue Formen von Hochspannungsisolatoren entstehen.  Insbesondere die im Jahr 1897 in Zusammenarbeit zwischen Professor Robert M. Friese und der Porzellanfabrik Hermsdorf entwickelte Delta-Glocke bildet einen Markstein in der Entwicklung von Hochspannungs-Isolatoren. 

Die Delta-Glocke

Der Isolator Nr. 358 ist durch Patente im In- und Ausland geschützt und stellt den ersten auf wissenschaftlicher Grundlage konstruierten Hochspannungs-Freileitungs-Isolator dar, der in den Folgejahren konsequent weiterentwickelt wird. Diese Entwicklung findet 1920 mit der Normung der Delta-Isolatoren bis 35 kV durch den VDE einen gewissen Abschluss. Mit der Erfindung der Delta-Glocke ist ein rascher Aufschwung der Porzellanfabrik Hermsdorf verbunden. Millionen dieser Isolatoren werden ins In- und Ausland geliefert. Die ‚Hermsdorf-Nummern‘, beginnend mit der Reihenbezeichnung J 1380, werden von den Elektrotechnikern häufig als allgemein bekannte Weltsprache zur Verständigung über die Größe von Hochspannungsisolatoren benutzt.  

Isolatoren auf wissenschaftlicher Basis
 

Es zeigt sich immer mehr, dass die Betriebssicherheit der an Zahl und an Länge schnell zunehmenden Hochspannungsleitungen fast ausschließlich von den Isolatoren abhängt. Aufgeschlossen für die wissenschaftlichen Untersuchungen von Professor Friese zeigt der Direktor der Hermsdorfer Porzellanfabrik, Oskar Arke, Weitsicht: Im Jahre 1901 wird ein Hochspannungs-Prüffeld eingerichtet, wo von nun an sämtliche Hochspannungs-Isolatoren vor dem Verlassen des Werkes mit dem doppelten Wert ihrer späteren Betriebsspannung geprüft werden.  Wenig später geht Arke einen weiteren wichtigen Schritt: Am 1. April 1903 wird der vormalige Assistent am Physikalischen Institut der Technischen Hochschule zu Dresden, Williarn Weicker, als Leiter des elektrischen Prüffeldes der Porzellanfabrik Hermsdorf berufen. Dieser erste, damals viel belächelte Versuch, einen Akademiker mit den Aufgaben in einer Porzellanfabrik zu betrauen, erweist sich bald als richtungweisend. Die kritische Auswertung der Ergebnisse einer scharfen Produktionskontrolle ist sehr wertvoll für konstruktive Verbesserungen und regt in wachsendem Maße zur Durchführung von Versuchen an. In den Jahren 1905 bis 1907 baut Weicker das Hermsdorfer Prüffeld zu einem Versuchsfeld für Hochspannungs-Isolatoren aus, und zwar in einer Größe, wie sie damals an keiner Stelle in Deutschland besteht. Auf dem Dach des alten Prüffeldes entsteht ein erstes Versuchsfeld im Freien. Hier werden die verschiedenen Isolatoren-Modelle aufgestellt und dauernd unter den natürlichen Witterungseinflüssen beobachtet.


In Hermsdorf ist mittlerweile im Jahre 1913 in einem ausschließlich für Versuchs- und Forschungszwecke errichteten Gebäude
ein Versuchsfeld in Betrieb genommen worden, in dem zum ersten Mal in einer europäischen Isolatorenfabrik Versuche
mit technischem Wechselstrom von 500 kV durchgeführt werden können.  Als ein Jahr später der erste Weltkrieg ausbricht, steht die Porzellanfabrik Hermsdorf in voller Blüte. Die Leistungsfähigkeit des  Betriebes war in den verflossenen 24 Jahren dauernd vergrößert worden, die Zahl der Brennöfen ist auf 21, die Zahl  der Arbeiter und Angestellten auf rund 1 000 gestiegen.  

Entwicklungsbeginn/Einführung neuer Erzeugnisse/neuer Werkstoffe in Hermsdorf bzw. in der HESCHO (Auswahl)


1890           Haushaltporzellan
1892           Elektroporzellan
1897           Hochspannungsisolatoren (,‚Delta-Glocke)
1910           Chemieporzellan
1928           Hochfrequenzwerkstoffe/Calit
1931           Kondensatorwerkstoffe
1933           Rutilkeramik
1934           Condensa
1935           Tempa
1943           Bariumtitanat-Kondensatorkeramik
1945           Weichmagnetische Ferritwerkstoffe (Manifer)
1946           Widerstandswerkstoffe mit hohem Temperaturkoeffizienten Kondensatorwerkstoffe
                  mit hoher Dielektrizitätskonstante
1948           Thermistoren
1950           Piezokeramischer Werkstoff Piezolan
1952           Hartmagnetische Ferritwerkstoffe (Maniperm)
1956           SiC-Werkstoffe
1957           Varistoren
1958           Elektronische Schaltungen in Stapelbauweise
1960           Sintermetalle, Überspannungsableiter
1961           Kontaktwerkstoffe auf Silber-Basis
1962           Piezokeramische Werkstoffe auf der Basis von Bleititanat-Zirkonat (PZT-Werkstoffe)
1964           Molybdän- und Wolfram-Blecherzeugnisse
1965           Bausteinsortiment in KME 3-Technik
1967           Drehanoden für Röntgenröhren, Molybdän-Elektroden für elektrisch beheizte Glaswannen, Piezofiker 455 kHz
1968           Integrierte Präzisionswiderstandsnetzwerke
1969           Sinterbronze-Kupplungslamellen, Piezozünder, Scherschwinger für US-Verzögerungsleitungen
1970           RM-Kern-Reihe
1971           Tantal-Anoden für Kondensatoren
1973           Wandler für Elektroakustik, Schallmembrane, Keramische Gehäuseschalen (Typ DIP)

1974           Biokeramische Hüftgelenkprothese, Schaltkreise für U 700 (Hybrid 1)
1975           Gasarme Kontaktwerkstoffe für Vakuumschalrer, Piezofilter 10,7 MHz, Plastgebundene Ferrite
1977           PZT-Komplexkeramik (US-Schwinger, Zünder, Filter), Optimierte Lautsprechermagnetsysteme,
1978           Keramische Flachgehäuseschalen (Typ FP), Leistungsferrite für Schaltnetzteile
1979           ZnO-Varistoren, Hybridschaltkreise für HSM II, Digital-Analog-Wandler 12 Bit
1980           Keramische Dichtungsscheiben, Kopfhörer HOK 80, Hochdichte Magnetkopfferrite, Kieferimplantate
1981           Kontaktwerkstoffe in Drahtform, Trennverstärker, Instrumentationsverstärker
1982           Piezophon, Einteilige Großporzellane (bis 4,5 m Höhe), Hermetik - Keramikgehäuse (HKG)
1983           Kopfhörer DHK 8
1984           DA-Wandler 14 Bit
1985           Elektronische Batteriezündung ESE 2H, Hybridschaltkreise für HSM III, 32 kBit CMOS - Hybridspeicher,
Miniaturkopfhörer DMK 85
1986           Automatisierte Fertigung anisotroper Magnete,  Plochauflösender DA-Wandler mit 16 Bit Linearität,
Elektronische Batteriezündung ESE
1987           Einheitsschallwandler, Target - Halbzeuge auf Wolfram- und Molybdän-Basis, Höher integrierter Hybridspeicher
1988           Perroelektrische Keramik für Mikrotranslatoren
1989           Plybrider 4 Mbit - Speicher - Schaltkreis  

Firmenloge im Wandel der Zeiten
Das Firmenlogo im Wandel der Zeiten