"Mit
manchen Orten geht es abwärts, mit anderen aufwärts. Wer früher durch
Hermsdorf ging, kennt sich kaum noch aus. Was ist in kurzer Zeit nicht
alles entstanden! Wir haben jetzt in den Straßen Beleuchtung, die erste
unter den Altenburger Dörfern. Wir haben ein Sieger -Denkmal, wir haben
eine neue Schule gebaut, die in diesem Jahre noch erweitert wurde. Wir
haben die Kirche restauriert und ein Kinderheim eingerichtet, auch zwei
Sparkassen gebaut. Alte Häuser sind gefallen, viele neue erheben sich.
Und nun ist auch der gewaltige Bau des Gemeindegasthofes am Rathaus
fertig gestellt und wir sind zusammen gekommen, um ihn zu weihen."
[Zitat: Denner,R..: Die Geschichte der Porzellanindustrie in Kahla 1930
]
Dies sind die Worte des greisen, im Holzland allgemein verehrten Gemeindevorstehers
Karl Opel. Gesprochen wurden sie vor etwa 100 Jahren, anlässlich der
Einweihung des Hermsdorfer Rathauses, am 1. Oktober 1897. Das, was Karl
Opel an Errungenschaften für seinen Heimatort aufzählte, war in erster
Linie der damals erst 7 jährigen Existenz der Porzellanfabrik Hermsdorf
zu danken. An der Schwelle zum letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts
setzte mit der Betriebsgründung eine Entwicklung ein, die in der Folgezeit
zu einem enormen Aufschwung in der kleinen Holzlandgemeinde führte,
der seinen Höhepunkt in der Verleihung des Stadtrechtes im Jahr 1969
fand. Das erste Ruhmesblatt wurde vor 100 Jahren geschrieben, als die
Porzellanfabrik Hermsdorf zusammen mit Professor Robert M. Friese die
Deltaglocke entwickelte. Diese damals grundsätzlich neue Form eines
Hochspannungsisolators machte den Hermsdorfer Betrieb erstmals
weltbekannt. Über
ein Jahrhundert hat die Porzellanfabrik Hermsdorf, die später unter
dem Namen HESCHO und Keramische Werke Hermsdorf ( KWH )
bekannt wurde, allen Stürmen getrotzt, die durch wechselnde politische
und wirtschaftliche Wetterlagen aufkamen. Wirtschaftskrisen und zwei
Weltkriege hinterließen zwar ihre Spuren, aber stets führten die Anstrengungen
des Neubeginns zu neuer, vorher nicht gekannter Stärke. Erst die politische
und wirtschaftliche Wende im Osten Deutschlands führte zu einer entscheidenden
Zäsur. Viele Menschen erlebten dies unmittelbar und schmerzhaft durch
den Verlust ihres Arbeitsplatzes. Die Ironie der Geschichte führte so
manchen ehemaligen Beschäftigten im Rahmen einer ABM noch einmal in
die Hallen und zu den Ausrüstungen zurück, die er einst mit aufgebaut
hatte; diesmal um sie abzureißen.
Porzellan
ist die edelste Keramik mit einem weißen, dichten und durchscheinenden
Scherben. An der Schwelle zum 18. Jahrhundert ist der aus China und
Japan importierte Artikel in unseren Breiten Luxus- und Statussymbol
der Reichen und Mächtigen. Fieberhaft sucht man in halb Europa nach
dem Geheimnis seiner Herstellung. Im Jahre 1709 gelingt Johann Gottfried
Böttcher die Erfindung eines Hartporzellans, dessen Eigenschaften
- im Gegensatz zu denen des asiatischen Weichporzellans - auch den
anfänglichen Anforderungen an technisches Porzellan entsprechen. Um
1760 schaffen es die beiden Thüringer Macheleidt und Greiner unabhängig
voneinander, Porzellan herzustellen. Das Vorhandensein besonders gut
geeigneter kaolinhaltiger Sande, genügenden Feuerungsholzes und einer
großen Anzahl billiger Arbeitskräfte führt dazu, dass es um 1800 in
Thüringen bereits 12 Porzellanfabriken gibt.
Am
18. Mai 1843 erhält der Kaufmann Christian Eckardt eine Konzession
zum Bau einer Porzellanfabrik in Kahla, die am 23. Oktober 1844 die
Produktion aufnimmt. Durch Absatzprobleme infolge einer Überproduktionskrise
gerät Eckardt bereits 1847 in finanzielle Schwierigkeiten, von denen
er sich nicht wieder erholt. Es kommt schließlich zur Zwangsvollstreckung.
Am 17. September 1856 erwirbt Friedrich August Koch die Fabrik und
setzt seinen Schwager Robert Eduard Koch als Leiter ein. Der Absatz
des Gebrauchsgeschirrs läuft im wesentlichen gut, die Zahl der Beschäftigten
erhöht sich von 20 im Jahre 1857 auf 400 im Jahre 1885.
In
den Jahren des allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwungs 1888 und 1889
ist eine impulsive Zunahme der Gründungen von Aktiengesellschaften
in der deutschen Porzellanindustrie zu verzeichnen. In Thüringen ist
es das Meininger Bankhaus B. M. Strupp, das in diesem Prozess maßgebend
an Einfluss gewinnt. Seit 1872 wird die Kahlaer Fabrik von Hermann
Koch geleitet. Als im Jahre 1887 das Bankhaus Strupp ihm zu seiner
Entlastung die Gründung einer Aktien-Gesellschaft nahe legt, zeigt
er ein beträchtliches Verständnis für diesen Gedanken, um so mehr,
als er einsehen muss, dass das sich von Jahr zu Jahr umfangreicher
gestaltende Unternehmen Geldmittel erfordert, die über seine Kräfte
hinausgehen. Koch verkauft den Betrieb für 870 000 Mark an das Bankhaus,
das die Kahlaer Anlagen im Januar 1888 in eine Aktiengesellschaft
umwandelt. Als Hauptaktionär und Generaldirektor fingiert der ehemalige
Besitzer Koch. Die eigentliche Machtbefugnis geht jedoch vom Vorsitzenden
des Aufsichtsrates, Dr. Gustav Strupp, aus.
Die
Porzellanfabrik Hermsdorf
Für
den Standort Hermsdorf sprechen eine Reihe von Vorteilen: der große
Holzreichtum des ‚Altenburger Holzlandes, die günstige Verkehrslage
an der 1876 eröffneten Bahnlinie Gera - Weimar und das Vorhandensein
zahlreicher Arbeitskräfte in dem existenzarmen Waldgebiet, verschärft
durch den Umstand, dass mit Einführung mechanischer Sägemühlen im
Holzland viele der früheren ‚Brettschneider‘ arbeitslos sind. Außerdem
besitzen die Kahlaer Aktionäre seit Jahrzehnten Geschäftsbeziehungen
zu Porzellanmalern und -händlern des Holzlandes, insbesondere im benachbarten
Reichenbach, die ihre Produkte aus Kahla beziehen. In der kurzen Bauzeit von März bis November 1889 wird in Hermsdorf
eine für die damalige Zeit recht großzügige Porzellanfabrik mit 10
Rundöfen errichtet und am 1. Januar 1890 in betriebsfertigem Zustand
an die Aktiengesellschaft übergeben. Als
die Fabrik unter dem Namen Porzellanfabrik Kahla, Filiale Hermsdorf
- Klosterlausnitz am 6. Januar 1890 die Produktion aufnimmt, beginnt
sie - dem Zweck ihrer Gründung gemäß - mit der ausschließlichen Fertigung
von Porzellangeschirr für den Export. Dies alles fällt in eine Zeit
der stürmischen Entwicklung der Elektrotechnik, die insbesondere mit
der neuen Energieübertragung mit Drehstrom revolutionierend auf die
Entwicklung der Produktivkräfte wirkt. So erfolgt im Jahr 1891 die
erste Drehstrom-Kraft-Übertragung von Lauffen nach Frankfurt/Main
mit Porzellan-Isolatoren der ‚Margarethenhütte‘ Großdubrau. Die Nachfrage
nach Porzellanisolatoren steigt. Die Hermsdorfer Porzellanfabrik stellt
sich sofort auf diese Entwicklung ein und nimmt im Sommer 1892 die
Fertigung von elektrotechnischem Porzellan auf. (Die Geschirr-Produktion
wird noch bis 1910 weitergeführt.) Anfangs sind es hauptsächlich Telegraphenglocken,
bald aber werden auch Starkstrom- und vor allem Hochspannungsisolatoren
("Hochstromer") produziert. Die ursprünglich zur Elektroenergieübertragung
eingesetzten Isolatoren zeigen Unzulänglichkeiten: Durchschläge des
Porzellans oder Überschläge über die Oberfläche infolge atmosphärischer
Einflüsse, wie Nebel oder Regen stören die Energieübertragung empfindlich. Es
bedeutet daher einen außerordentlichen Fortschritt, als etwa zeitgleich 1896 / 97 in der Paderno-Glocke
in Italien und in der Delta-Glocke in Deutschland grundsätzlich neue
Formen von Hochspannungsisolatoren entstehen. Insbesondere
die im Jahr 1897 in Zusammenarbeit
zwischen Professor Robert M. Friese und der Porzellanfabrik Hermsdorf
entwickelte Delta-Glocke bildet einen Markstein in der Entwicklung
von Hochspannungs-Isolatoren.
Die
Delta-Glocke
Der
Isolator Nr. 358 ist durch Patente im In- und Ausland geschützt und
stellt den ersten auf wissenschaftlicher Grundlage konstruierten Hochspannungs-Freileitungs-Isolator
dar, der in den Folgejahren konsequent weiterentwickelt wird. Diese
Entwicklung findet 1920 mit der Normung der Delta-Isolatoren bis 35
kV durch den VDE einen gewissen Abschluss. Mit der Erfindung der Delta-Glocke
ist ein rascher Aufschwung der Porzellanfabrik Hermsdorf verbunden.
Millionen dieser Isolatoren werden ins In- und Ausland geliefert.
Die ‚Hermsdorf-Nummern‘, beginnend mit der Reihenbezeichnung J 1380,
werden von den Elektrotechnikern häufig als allgemein bekannte Weltsprache
zur Verständigung über die Größe von Hochspannungsisolatoren benutzt.
Isolatoren auf wissenschaftlicher Basis
Es
zeigt sich immer mehr, dass die Betriebssicherheit der an Zahl und
an Länge schnell zunehmenden Hochspannungsleitungen fast ausschließlich
von den Isolatoren abhängt. Aufgeschlossen für die wissenschaftlichen
Untersuchungen von Professor Friese zeigt der Direktor der Hermsdorfer
Porzellanfabrik, Oskar Arke, Weitsicht: Im Jahre 1901 wird ein Hochspannungs-Prüffeld
eingerichtet, wo von nun an sämtliche Hochspannungs-Isolatoren vor
dem Verlassen des Werkes mit dem doppelten Wert ihrer späteren Betriebsspannung
geprüft werden. Wenig später
geht Arke einen weiteren wichtigen Schritt: Am 1. April 1903 wird
der vormalige Assistent am Physikalischen Institut der Technischen
Hochschule zu Dresden, Williarn Weicker, als Leiter des elektrischen
Prüffeldes der Porzellanfabrik Hermsdorf berufen. Dieser erste, damals
viel belächelte Versuch, einen Akademiker mit den Aufgaben in einer
Porzellanfabrik zu betrauen, erweist sich bald als richtungweisend.
Die
kritische Auswertung der Ergebnisse einer scharfen Produktionskontrolle
ist sehr wertvoll für konstruktive Verbesserungen und regt in wachsendem
Maße zur Durchführung von Versuchen an. In den Jahren 1905 bis 1907
baut Weicker das Hermsdorfer Prüffeld zu einem Versuchsfeld für Hochspannungs-Isolatoren
aus, und zwar in einer Größe, wie sie damals an keiner Stelle in Deutschland
besteht. Auf dem Dach des alten Prüffeldes entsteht ein erstes Versuchsfeld
im Freien. Hier werden die verschiedenen Isolatoren-Modelle aufgestellt
und dauernd unter den natürlichen Witterungseinflüssen beobachtet.
In
Hermsdorf ist mittlerweile im Jahre 1913 in einem ausschließlich für
Versuchs- und Forschungszwecke errichteten Gebäude
ein Versuchsfeld in Betrieb genommen worden, in dem zum ersten
Mal in einer europäischen Isolatorenfabrik Versuche
mit technischem Wechselstrom von 500 kV durchgeführt werden
können.
Als
ein Jahr später der erste Weltkrieg ausbricht, steht die Porzellanfabrik
Hermsdorf in voller Blüte. Die Leistungsfähigkeit des Betriebes
war in den verflossenen 24 Jahren dauernd vergrößert worden, die Zahl
der Brennöfen ist auf 21, die Zahl
der
Arbeiter und Angestellten auf rund 1 000 gestiegen.
Entwicklungsbeginn/Einführung neuer Erzeugnisse/neuer Werkstoffe in
Hermsdorf bzw. in der HESCHO (Auswahl)
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1890 Haushaltporzellan
1892 Elektroporzellan
1897 Hochspannungsisolatoren
(,‚Delta-Glocke)
1910 Chemieporzellan
1928 Hochfrequenzwerkstoffe/Calit
1931 Kondensatorwerkstoffe
1933 Rutilkeramik
1934 Condensa
1935 Tempa
1943 Bariumtitanat-Kondensatorkeramik
1945 Weichmagnetische Ferritwerkstoffe (Manifer)
1946 Widerstandswerkstoffe
mit hohem Temperaturkoeffizienten
Kondensatorwerkstoffe
mit hoher Dielektrizitätskonstante
1948 Thermistoren
1950 Piezokeramischer
Werkstoff Piezolan
1952 Hartmagnetische
Ferritwerkstoffe (Maniperm)
1956 SiC-Werkstoffe
1957 Varistoren
1958 Elektronische Schaltungen in Stapelbauweise
1960 Sintermetalle, Überspannungsableiter
1961 Kontaktwerkstoffe auf Silber-Basis
1962 Piezokeramische Werkstoffe auf der Basis von Bleititanat-Zirkonat
(PZT-Werkstoffe)
1964 Molybdän- und Wolfram-Blecherzeugnisse
1965 Bausteinsortiment in KME 3-Technik
1967 Drehanoden für Röntgenröhren, Molybdän-Elektroden für elektrisch
beheizte Glaswannen, Piezofiker 455 kHz
1968 Integrierte
Präzisionswiderstandsnetzwerke
1969 Sinterbronze-Kupplungslamellen, Piezozünder, Scherschwinger
für US-Verzögerungsleitungen
1970 RM-Kern-Reihe
1971 Tantal-Anoden für Kondensatoren
1973 Wandler für Elektroakustik, Schallmembrane, Keramische Gehäuseschalen
(Typ DIP)
1974 Biokeramische Hüftgelenkprothese, Schaltkreise für U 700 (Hybrid
1)
1975 Gasarme Kontaktwerkstoffe für Vakuumschalrer, Piezofilter 10,7
MHz, Plastgebundene Ferrite
1977 PZT-Komplexkeramik
(US-Schwinger, Zünder, Filter), Optimierte Lautsprechermagnetsysteme,
1978 Keramische
Flachgehäuseschalen (Typ FP), Leistungsferrite für Schaltnetzteile
1979 ZnO-Varistoren,
Hybridschaltkreise für HSM II, Digital-Analog-Wandler 12 Bit
1980 Keramische Dichtungsscheiben, Kopfhörer HOK 80, Hochdichte
Magnetkopfferrite, Kieferimplantate
1981 Kontaktwerkstoffe in Drahtform, Trennverstärker, Instrumentationsverstärker
1982 Piezophon, Einteilige Großporzellane (bis 4,5 m Höhe), Hermetik
- Keramikgehäuse (HKG)
1983 Kopfhörer DHK 8
1984 DA-Wandler
14 Bit
1985 Elektronische Batteriezündung ESE 2H, Hybridschaltkreise für
HSM III,
32 kBit CMOS - Hybridspeicher,
Miniaturkopfhörer DMK 85
1986 Automatisierte Fertigung anisotroper Magnete, Plochauflösender
DA-Wandler mit 16 Bit Linearität,
Elektronische
Batteriezündung ESE
1987 Einheitsschallwandler, Target - Halbzeuge auf Wolfram- und
Molybdän-Basis, Höher integrierter Hybridspeicher
1988 Perroelektrische Keramik für Mikrotranslatoren
1989 Plybrider 4 Mbit - Speicher - Schaltkreis
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