Drei Tage später, am 18. Mai, ereignete sich eine
Tragödie, die alle anderen Eindrücke überdeckte. Laut
des angesetzten Programms sollte um 10 Uhr morgens auf dem Feld von Chodynka,
wo 150 Büfetts und 10 Pavillons errichtet worden waren, mit der
Verteilung von 400000 Zarengeschenken begonnen werden, die aus einem
Bündel mit verschiedenen Lebensmitteln und einem Emaillebecher
mit Zarensiegel bestanden. Dem sollten Theatervorführungen und um
14 Uhr das „allerhöchste Heraustreten“ folgen.
Die Menschen begannen sich schon seit dem Abend einzufinden und
ließen sich dabei offensichtlich von Gründen leiten, die der
Arbeiter Wassili Krasnow später anführte: „Bis zum Morgen
zu warten, um gegen 10 Uhr dort hinzugehen, wenn die Verteilung der Geschenke
und der Andenken - Becher beginnen sollte, erschien mir einfach
dumm,“ erinnerte er. „So viele Leute, dass nichts übrig
bleibt, wenn ich morgen komme. Und die nächste Krönung, erlebe
ich die noch? ... Ohne ein Andenken an dieses Fest zu bleiben erschien
mir, einem gebürtigen Moskauer, verwerflich: was für eine unbesäte
Stelle auf dem Feld würde ich sein ich sein? Die Becher waren, wurde
gesagt, sehr schön und hielten ewig“ Damals war Emaillegeschirr
noch etwas Ungewohntes.
Das Feld von Chodynka, das der Moskauer Garnison als Truppenübungsplatz
diente und dementsprechend von Gräben und Brustwehren durchzogen
war, erwies sich als denkbar ungeeignet für derartige Veranstaltungen.
Die für die ordnungsgemäße Durchführung Verantwortlichen
reagierten ebenfalls nicht entsprechend auf die gefährliche
Ansammlung von Menschen, die schon am Vorabend eine halbe Million zahlten,
und ließen die entstandene Situation außer Acht. Das Unglück
ereignete sich um sechs Uhr am Morgen. Die Menge, erregt von den Gerüchten,
dass irgendwer bereits Geschenke erhielt, setzte sich in Bewegung, "sprang
plötzlich auf wie ein Mann und warf sich mit solch einer Macht nach
vorn, als ob sie von Feuer verfolgt worden wäre", berichtete
ein Augenzeuge. "Die hinteren Reihen drängten gegen die
vorderen, wer hinfiel, wurde niedergetreten, ohne dass man sich bewusst
war, dass man über noch lebende Körper ging, als seien es
Steine oder Balken. Die Katastrophe wahrte nur 10-15 Minuten. Als die Menge
zur Besinnung kam, war es schon zu spät."
Um acht Uhr erreichte die Nachricht vom Geschehenen Generalgouverneur
Großfürst Sergej Alexandrowitsch und bald darauf auch den erschütterten
Kaiser. Das Unglück während der Feiern hinterließ einen
niederschmetternden Eindruck. "Eine große Sünde ist geschehen",
schrieb er in sein Tagebuch.
Allein laut offizieller Statistik wurden auf dem Feld von Chodynka 2690
Personen verletzt, 1389 davon tödlich. Nach Abschluss der Untersuchungen
wurden die Moskauer Polizei und der Generalgouverneur, der im Volk
den Beinamen „Fürst von Chodynka“ bekam, für das
Unglück verantwortlich gemacht. Oberpolizeimeister Wlassowski wurde
aus dem Dienst entlassen. Wer diese Nacht miterlebt hatte, erinnerte sich
an den "Blutsamstag" als die stärkste Erschütterung
seines Lebens.
P. Schostakowski schrieb im Nachhinein: "Das Wetter war wunderschön
und das voraus denkende Moskauer Volk... entschloss sich, die Nacht auf
dem Feld von Chodynka an der frischen Luft zu verbringen, um gleich zu
Beginn des Festes an Ort und Stelle zu sein... Die Nacht war zu allem
Unglück mondlos, und das Feld von Chodynka versank in völliger
Dunkelheit. Es kamen immer mehr Leute. Viele sahen den Weg nicht, stolperten
und fielen in die Gräben... Die unübersehbare Menge wurde
immer dichter. Immer mehr und mehr Menschen trafen ein. Nicht weniger
als eine halbe Million Menschen hatten sich bis zum Morgen zwischen der
Stadtgrenze und der Wand aus 100 Büfetts angesammelt. Die wenigen
Polizisten und Kosaken, die zur Aufrechterhaltung der Ordnung auf das
Feld von Chodynka geschickt worden waren, merkten, dass die Lage bedrohliche
Ausmaße anzunehmen begann und dass sie mit dieser Elementargewalt
nicht fertig werden würden. Der Morgen war ruhig, es war windstill.
Die aneinander gepresste Menge bekam keine frische Luft. Das Atmen wurde
immer schwerer Schweiß lief aber die bläulich - weißen
Gesichter und sie wirkten verweint... Die bis zum Letzten zusammengedrängte
Masse von einer halben Million Menschen drängte mit ihrem ganzen
unvorstellbaren Gewicht in Richtung der Büfetts. Die Menschen fielen
zu Tausenden in den Graben, auf die Köpfe derer, die schon auf seinem
Grund standen. Ihnen fielen mehr und mehr hinterher, bis der Graben bis
obenhin mit Körpern zugeschüttet war. Sie liefen über
sie hinweg, sie konnten nicht stehen bleiben..." Der bekannte Reporter
Wladimir Giljarowski, der die Nacht auf dem Feld von Chodynka verbrachte,
erinnerte sich: „Über der millionenköpfigen Menge
begann sich Dampf zu erheben, der Sumpfnebel ähnelte...“ Das
Gedränge war fürchterlich. Vielen wurde schlecht und einige
verloren das Bewusstsein, ohne die Möglichkeit gehabt zu haben,
herauszukommen oder auch nur umzufallen: bewusstlos, mit geschlossenen
Augen, eingezwängt wie in Schraubstöcke, wogten sie mit der
Menge hin und her... Ein in meiner Nähe neben meinem Nachbarn stehender
großer, wohlgestalteter alter Mann atmete schon lange nicht mehr:
er war schweigend erstickt, ohne Laut gestorben, und seine erkaltete
Leiche wogte mit uns hin und her. Neben mir übergab sich jemand.
Er konnte nicht einmal den Kopf senken..."
Eilig wurden Kosaken und Polizei herbeigerufen. Alle Feuerwehreinheiten
Moskaus rückten an, denen es auferlegt war den größten
Teil der Getöteten und Verletzten auf dem Feld zu bergen. Vielen
wurde es an jenem Tag zuteil, auf die langsam dahinrollenden und eilig
mit Matten bedeckten Fuhrwerke zu treffen, mit denen die Leichen abtransportiert
wurden. |