Die Entwicklung von Familiennamen und Spitznamen in Hermsdorf
Quellenangabe: Peter Mildner, Ruth Mildner, Else Eckardt, Familiennamenbuch von Horst Naumann
Teil 2 - Spitznamen
 

Wie schon erwähnt waren die meisten, ursprünglich aus Hermsdorf stammenden Familien im Holzverarbeitungsgewerbe, welches traditionell in Hermsdorf ansässig ist, tätig.
Sei es als Leiternmacher, Tischler oder Kistenfabrikant usw. Aufgrund der Vielzahl der gleichen Namen kam es oft zu Verwechslungen, z.B. der Adresse, des Geschäfts u. a., also bekam man einen Beinamen, gebildet etwa nach charakterlichen Eigenschaften oder nach auffallenden, äußerlichen Merkmalen. Einige gaben sich diesen Beinamen selbst, die meisten aber erhielten ihn hinterrücks, ohne ihr Wissen und waren demnach nicht immer erfreut mit diesem Beinamen angesprochen zu werden.
Trotzdem half es der besseren Differenzierung und dem besseren Zurechtfinden des Briefträgers, denn der Beiname erhielt auch seinen Platz im Briefkopf von Geschäftsbriefen, er wurde so auch zum Geschäftsname.
Allerdings bekam nicht jeder einen solchen Beinamen, erst nach Hermsdorf zugezogene Familien (unter Althermsdorfern „Zujereesde“) z. B. bekamen keinen Spitznamen. Nur die altansässigen Familien gaben sich untereinander solche Spitznamen. Einige dieser Spitznamen sind:

Puffpaffs Opel Reichenbacher Strasse
Pfeifenhansens Opel Reichenbacher Strasse
Gummibieder Opel Eisenberger Strasse
Russe Opel Alte Regensburger Strasse
Balsams Schmidt Reichenbacher Strasse
Schnurps Schmidt Oberndorfer Weg
Stutzens Schmidt Alte Regensburger Strasse
Jetzens Gräfe Oberndorfer Weg
Zuckermann / Zucki Gräfe Alter Markt
Halloms Serfling Alter Markt
Solms Serfling Kinderheimgasse
Barmichs Präßler  
Streichersch Präßler Schulstrasse
Hausdoffels Präßler Bergstrasse
Bachmichels Präßler Kinderheimgasse
Loranzens Schilling Alte Regensburger Strasse
Wagner / Wagnersch Schilling Alte Regensburger Strasse
Humpels Schilling Reichenbacher Strasse
Katzl Hädrich Oberndorfer Weg
Dofts Plötner Reichenbacher Strasse
Judoffels Plötner Eisenberger Strasse
Gründoffels Plötner Eisenberger Strasse
Polens Plötner Bergstrasse
Taute Plötner Eisenberger Strasse
Issels Plötner  
Bärsch Plötner Alte Regensburger Strasse
Häppe Plötner Alte Regensburger Strasse
Ziegenbocks Plötner Alte Regensburger Strasse
Flamme Plötner Alter Markt
Kihahns Plötner  
(Lumpen-) Mutsche Plötner Eisenberger Strasse
Pumpenelle Nölle Reichenbacher Strasse
Torls Martin Rodaer Strasse
Fritschens Bauer Rodaer Strasse
Spitzdewiesens Steingrüber Schulstrasse
Russenschmied Steingrüber Eisenberger Strasse
Zwiebel Steingrüber Bergstrasse
Schmalens Steingrüber
Krabbels Kraft Schulstrasse
Spitzens Kraft Bergstrasse
Feng Kraft Bergstrasse
Rehbock Kraft Alte Regensburger Strasse
Kalender Kraft Eisenberger Strasse
Kautz Prüfer Bergstrasse
Bartels Eckardt Bergstrasse
Bocks Thieme Bergstrasse
Schleißens Remme Bergstrasse
Finkens Claus Bergstrasse
Au - die Claus Naumburger Strasse
Schindoffels Wetzel  
Lockerhosens Ludwig  
Kamsens Chemnitz Alte Regensburger Strasse
Schulze-Michels Bratfisch
Billings Kirchner  
Mohlns Rüdiger Alte Regensburger Strasse
Schwedens Diener Alte Regensburger Strasse
Schachts Wolf Alte Regensburger Strasse
Karchiefens Kirchner Alte Regensburger Strasse
Suddenstöpsel /auch
Maulwurf
Dölz Alte Regensburger Strasse
Eisenkönig Hänseroth Bergstrasse
Strassenmanns Rosenkranz Bergstrasse
Erbse Viererbe  
Juddel Hädrich Schleifreisener Weg
Seechermannel Böhme Alter Uhrmacher in Hermsdorf
Wolkenbruch Hänseroth Alter Polizist in Hermsdorf

Im folgenden soll nun von einigen der genannten Spitznamen die Bedeutung und Herkunft bzw. die Entstehung erläutert werden ( basierend auf mündlichen Überlieferungen von einzelnen Zeitzeugen ).

Balsams

Else Schmidt, genannt Balsams Else, war bekannt für ihre Heilkräuter, die sie sammelte und verkaufte. Da Heilkräuter auch als Balsam für den Körper bezeichnet wurden, entstand daraus dieser Spitzname.

Russe

Luis Karl Adolf Opel, Sohn des ehemaligen Gemeindevorstehers Karl Gottlob Opel, war Porzellanmaler am Zarenhof. Hermsdorf soll er mit einer Zirkustruppe verlassen haben. Er betrieb mit großem Erfolg eine Schildermalerei in Moskau und eröffnete in Nishni Nowgorod eine Kunstausstellung. Um die Jahrhundertwende handelte er sehr erfolgreich mit russischen Pferden, die er nach Hermsdorf brachte und von hier aus weiterverkaufte. Das Haus Alte Regensburger Str. 25, das er bauen ließ, wurde das "Russenhaus" genannt.

Russenschmied

Schmied Steingrüber, der Spitzname entstand im Zusammenhang mit dem Russen (Opel), der um 1900 seine Pferde aus Russland immer beim Steingrüber beschlagen ließ. Auch das russische Begleitpersonal ließ dort die Wagenpferde beschlagen und Reparaturen an den Wagen ausführen. Der Name wurde bis heute vom Vater auf den Sohn vererbt.

Gummibieder

Opel, heiratete eine Tochter des Geschäftsmannes Bieder aus Gera, der mit Gummiwaren aller Art handelte. Als Opel später das Geschäft übernahm, setzte sich der Spitzname auch in Hermsdorf durch. Opel legte sein Geld in Hermsdorf hauptsächlich in Häusern und privaten Krediten an.
Er vergab speziell private Hypotheken an Hermsdorfer Bürger.

Stutzens

Schmidt - in dieser Familie waren alle Leute recht klein gewachsen - gestutzt.

Polens

Plötner - diese Familie hatte einen polnischen Vorfahren, der hier eingeheiratet hatte. Er war Schuster und wurde auch Polenschuster genannt,

Häppe und Ziegenbock

beide hießen Plötner und wohnten unmittelbar nebeneinander. Um sie besser unterscheiden zu können, wurden sie nach ihren Tieren genannt. Der eine Plötner hatte eine Ziege (Häppe), der andere einen Bock.

Flamme

Plötner - die Familie bekam den Spitznamen wegen der roten Haare, die jedes männliche Familienmitglied hatte.

Lumpen-Mutsche

Plötner - der Name entstand, weil sich die Familie mit dem Handel von Altstoffen, speziell Lumpen (Mutsche - alte Lappen, holzländisch) befasste.

Pumpenelle

Nölle - da Nölle an ständiger Geldknappheit litt, ging er überall auf Pump einkaufen.

Feng

Kraft - dieser betrieb eine Gaststätte (Bergstrasse 7 „Loch“). Der Name entstand aus einem Streit der Wirte vom "Zum schwarzen Bär" und vom "Berggasthof". Der Wirt vom " Zum schwarzen Bär " (Faber, warf dem Wirt vom „Berggasthof“ vor, knauserig zu sein und hinter jedem Pfennig (Feng, holzländisch) herzurennen, eben ein "Feng" zu sein. Daraufhin sagte der Feng zu Faber: „Wenn ich e Feng bin, bist du ene dumme Sau!" So hatte auch Faber seinen Spitznamen weg und wurde die "dumme Sau" genannt.

Rehbock

Kraft - dieser war Förster und erzählte in der Kneipe immer von seinen Jagderfolgen. Daraufhin bekam er den Spitznamen "Rehbock"; (holzländisch Riebuck).

Au-die

Claus - der Großvater des Schmiedemeisters Claus, ebenfalls Schmied, soll nicht sehr fleißig gewesen sein. Es wird erzählt, dass er oft morgens aufstand, Licht machte und das Schmiedefeuer in gang setzte. Dann schmierte er sich Hände und Gesicht schwarz, damit er nach Arbeit aussähe, und ging in den Ratskeller.
Immer wenn er im Ratskeller oder auf der Strasse eine ihm nicht bekannte Frau sah, soll er ausgerufen haben: "Au, die, wan issn die?" (Au,die, wer ist denn die?)

Lockerhosens

Ludwig - Lockerhuse (Lockerhose) nennt man einen Menschen, der sein Geld schnell wieder ausgibt, speziell in der Kneipe, und der nicht sehr zuverlässig arbeitet. Dies traf wohl auf Ludwigs zu.

Mohlns

Rüdiger - die Urgroßeltern der Familie besaßen eine Schrotmühle. Daher kommt der Name Mohlns von mahlen.

Suddenstöpsel

Dölz - Dölz fuhr mit seinem großen Jauchenfass für die Leute die Sudde (holzländisch Jauche) aus ihren Plumpsklosetts auf die Felder und Wiesen.

Straßenmanns

Rosenkranz - der Großvater der jetzigen Rosenkranzens war einer der ersten Straßenmänner.
Heute würde man sagen Straßenarbeiter. Dieser ging die Landstraßen ab, legte Straßengräben an, flickte Schlaglöcher usw.

Ein Großteil der Spitznamen ist heute nicht mehr zu erklären, da ihre Entstehung weit zurückliegt.
Die Eigentümlichkeit besteht darin, dass die Namen meist automatisch auf alle Familienmitglieder übertragen und weitervererbt wurden und werden, auch wenn kein ursächlicher Zusammenhang zwischen Personen und Namen (mehr) besteht.

So heißt der heutige Urenkel des Schmiedes Steingrüber auch heute noch "Russenschmied", auch "der kleine Russe" genannt. Als Hermsdorfer geht man nicht auf den Berg in Remmes Gaststätte sondern zu "Schleißens", obwohl die Familie heute nichts mehr mit Holzverarbeitung zu tun hat.

Neue Familienspitznamen kommen heute nicht mehr dazu. Durch die Zuwanderung von Menschen aus anderen Regionen wuchs die Vielzahl der Verschiedenen Namen. Ein weiteren Beitrag, dass die Zu- oder Spitznamen nicht mehr zur Unterscheidung notwendig waren, kann in den Strassennamen und Hausnummern gesehen werden, da nun eine Zuordnung besser möglich wurde.

Mit der weiter fortschreitenden Industrialisierung und dem Entstehen neuer Berufe gab es einen neuen "Typ" von Spitznamen die bedeutend einfacher zu verstehen war – sich nicht immer auf eine Person bezog:

Adrolö - Adler Drogerie Löffler

Erde-Peter - Peter - Uhlandstrasse, handelte Walderde und Forstprodukten

Beton-Löfflers - Löffler - Lessingstrasse, fertigte Betonelemente

Auto-Vogel - Vogel, Bergstrasse, eröffnete eine der ersten Autowerkstätten in Hermsdorf

Benzin-Hummel - Inge Vogel - heute Frau Enke, ist die Tochter der ehemaligen
einzigen Tankstellenbetreiber in Hermsdorf, heute Seat-Autohaus

Friedhofs-Walter - Walter Schmidt - Badstrasse, betätigte sich im Nebenerwerb als Totengräber

Butter-Hans betrieb eine Handlung für Milchprodukte (heute Pascha-Grill)

Hesse-Schneider einstiger Herrenschneider in Hermsdorf

Kinder-Schmidts Schmidt - Waldgasse, zur Unterscheidung von anderen Schmidts wurden sie wegen ihres Kinderreichtums so
genannt.

Einigen bekannten Spitznamen wurde auch in der Heimatliteratur ein bleibendes Denkmal gesetzt. In den "Holzlandgeschichten" von Werner Peukert wird z.B. der Polizist "Wolkenbruch" erwähnt, der eigentlich Hänseroth hieß. Auch der Uhrmacher Böhme, der "Seechermannel" genannt wurde, erhielt eine Geschichte in diesem Buch.